Er ist einer unserer liebsten Stammkünstler und gemeinsam feiern wir in diesem Jahr seinen 70. Geburtstag. Kaum ein Jazzer hat das Rheingau Musik Festival in den vergangenen Jahren so sehr geprägt wie der schwedische Posaunist und Sänger Nils Landgren. Und auch in diesem Jahr ist er in unterschiedlichsten Formationen mit energiegeladenem Funk, intimen Balladen und rhythmischen Grooves auf den Bühnen des Rheingaus zu erleben!
Sie blicken auf eine lange und erfolgreiche Karriere zurück, in der Sie auf vielen bedeutenden Bühnen gespielt haben. Gab es Schlüsselmomente, auf die Sie besonders gerne zurückblicken, Momente, die Sie künstlerisch oder persönlich geprägt haben?
Es gibt viele Momente, aber einige bleiben natürlich besonders stark in Errinnerung. So, zum Beispiel, mein erstes Bigbandkonzert, als ich 14 Jahre alt war, und ich mich gewagt habe, ein Solo zu spielen. Vielleicht war es nicht gut aber immerhin ein Versuch. Mit 25 Jahren bin ich mit dem weltbekannten Bigbandleader Thad Jones nach Milan geflogen, um in seiner Band erste Posaune zu spielen. Das war wirklich großes Kino! 1991 durfte ich bei der Gründung von JazzBaltica dabei sein. Das war ein erster großer Schritt außerhalb Schwedens eine Karriere zu starten.
Jeder Musiker und jede Musikerin hat eine persönliche Geschichte, wie er oder sie zu seinem Instrument gefunden hat. Wie sind Sie überhaupt zur Posaune gekommen?
Als ich 13 Jahre alt war und von der Schule nach Hause kam, bin ich auf eine Posaune gestoßen, die im Flur stand. Und da ich schon immer einfach sehr neugierig war, wollte ich das Instrument natürlich sofort ausprobieren – und der Rest ist Geschichte.
Sie sind musikalisch sehr breit aufgestellt. Wo fühlen Sie sich musikalisch am wohlsten? Gibt es ein Werk oder einen Song, der nie langweilig wird und den Sie immer wieder neu interpretieren?
Ich fühle mich genau dort wohl, wo ich mich momentan befinde und ich versuche jeden Moment zu genießen. Wie ich schon erwähnt habe, ich bin sehr neugierig und immer auf der Suche nach neuen Herausforderungen. Es gibt einen Song, den ich immer wieder gerne singe und spiele, egal ob im Duo mit dem Gitarristen Johan Norberg oder arrangiert vom großartigen Vince Mendoza für großes Sinfonieorchester. Und zwar ist das der Song „Get here“ von Brenda Russell. Übrigens, ist sie eine gute Freundin von mir, und ich war sogar im Studio, als sie den Song in Stockholm aufgenommen hat.
Die Live-Musik lebt vom Zusammenspiel zwischen den Musikerinnen und Musikern und dem Publikum. Wie beeinflusst die Stimmung des Publikums Ihr eigenes Spiel? Spüren Sie die Energie und lassen Sie sich davon inspirieren?
Absolut! In der Musik geht es ja um Kommunikation und nur wenn diese Kommunikation zwischen Bühne und Publikum entsteht, bin ich happy. Es gibt nichts Besseres als einen Saal voller glücklicher Menschen – sowohl auf der Bühne als auch im Publikum.
Zwischen sorgfältiger Vorbereitung und Intuition entsteht die persönliche Interpretation. Einige Musikerinnen und Musiker berichten oft von Momenten, in denen aber vor allem das Instinktive überwiegt. Welche Rolle spielt Intuition beim Musizieren im Vergleich zu Technik, Vorbereitung und Planung?
In dem musikalischen Bereich, den man meist Jazz nennt – oder vielleicht treffender als improvisierte Musik bezeichnen könnte –, spielt Intuition eine zentrale Rolle. Ohne den eigenen Instinkt wäre es kaum möglich, diese Art von Musik zu interpretieren. Jedes Mal entsteht etwas Neues: Die Ideen von gestern sind meist schon vergessen und ich muss mir immer wieder etwas Neues einfallen lassen. Genau das macht die Musik so spannend. Aber es ist gleichzeitig auch eine große Herausforderung, die mit viel Verantwortung verbunden ist.
Die Musik lebt von Tradition, aber auch von neuen Stimmen und Werken. Gibt es Komponisten, Werke oder Stile, die Sie der nächsten Generationen besonders gerne näherbringen würden?
Diese Frage ich überlasse ich gerne der nächsten Generation. Ich liebe einfach Musik.
Oft begegnet man in der Musik unerwarteten Klängen oder kompositorischen Ideen, die den eigenen Horizont erweitern. Welche Werke, Künstlerinnen oder Künstler haben Sie überrascht, weil sie völlig anders waren, als Sie es erwartet hätten?
Es gibt im Leben viele Überraschungen und eine davon war für mich, den deutschen Posaunisten Albert Mangelsdorff live zu erleben. Mitte der 1970er-Jahre hörte ich ihn bei einem Konzert im Goethe-Institut in Stockholm. Er trat solo auf, ganz allein mit seiner Posaune, und sang gleichzeitig während des Spiels, wodurch er Mehrstimmigkeit erzeugte. Das war sehr ungewöhnlich und vor allem beeindruckend. Dieser Moment hat mich tief geprägt. Später haben wir uns kennengelernt und auch gemeinsam Musik gemacht. Einige Zeit danach wurde ich schließlich sein Nachfolger als künstlerischer Leiter des Jazzfests Berlin.
Sie stehen selten allein auf der Bühne und treten gern in unterschiedlichen Formationen auf. Wie wichtig ist Ihnen die Zusammenarbeit mit Kolleginnen, Kollegen oder Orchestern? Inwiefern prägen diese Beziehungen Ihre eigenen Interpretationen?
Mit ein bisschen Glück wird jede Formation zu einer Familie und es ist immer schön, diese unterschiedlichen „Familien“ zu treffen, ganz gleich, ob wir gemeinsam Musik machen oder uns einfach ohne Instrumente begegnen. Jede Familie ist anders und vor allem einzigartig und das gilt auch für uns Künstlerinnen und Künstler. Es geht um Verständnis und Liebe sowohl beruflich als auch privat.
In einem Ihrer Sommerkonzerte geht es um sehr persönliche Werke, Lieder und Melodien aus Ihrer Heimat. Welche musikalischen Erinnerungen verbinden Sie mit Skandinavien, mit Schweden? Wie hat dieses Land Sie und Ihre Musik geprägt?
Ich bin in Schweden geboren. Ich sehe mich aber wie ein Weltbürger, der sich (fast) überall zu Hause fühlt, solange die eigenen Wurzeln irgendwo, irgendwie im Herzen verankert bleiben. Schweden und Skandinavien trage ich immer in und bei mir. Sie sind meine musikalische Schatzkiste, in der es stets Neues zu entdecken und zu erleben gibt.
Sie sind seit vielen Jahren ein fester Bestandteil des Rheingau Musik Festivals. Was verbinden Sie persönlich mit dem Festival, mit der Region und den Menschen, die hier regelmäßig zusammenkommen?
Das Rheingau Musik Festival ist so ein schönes Festival: vielfältig, großzügig, herzlich und dabei immer auf dem höchsten Niveau, sowohl musikalisch als auch menschlich. Ich habe beim Festival unzählige wunderbare Momente erlebt, tolle Menschen getroffen, viele neue Freundschaften geschlossen und sehr viel Liebe erfahren. Dafür bin ich ewig dankbar. Ich hoffe sehr, dass das Festival noch lange genau so weiterbesteht.
Gemeinsam dürfen wir Ihren 70. Geburtstag feiern. Haben die Programme etwas mit diesem besonderen Ereignis zu tun? Wie haben Sie die kommenden Konzerte im Rheingau kuratiert und gestaltet?
Ich habe Musik ausgewählt, die mir persönlich sehr gefällt und ich hoffe, dass sie auch beim Publikum gut ankommt. Gemeinsam mit den Gastmusikerinnen und -musikern werden wir eine Mischung aus schwedischen, skandinavischen und internationalen Stücken singen und spielen. Ich freue mich riesig, erneut beim Rheingau Musik Festival Gast zu sein.
Auf was freuen Sie sich am meisten beim Rheingau Musik Festival?
Auf die Menschen, die Musik und die Liebe zum Leben!
Vielen Dank für das Interview!