Fokus 2026: VOCES8

„gemeinsame Werte und eine offene, großzügige Haltung im Miteinander“

Seit über zwei Jahrzehnten zählt VOCES8 nun schon zu den herausragenden britischen Vokalensembles. Mit außergewöhnlicher Präzision, klanglicher Transparenz und perfekter stimmlicher Balance spannt das Ensemble einen weiten Bogen von der Renaissance-Polyphonie über geistliche Meisterwerke bis hin zu eigenen Arrangements von Jazzstandards und Popsongs. Dabei bleibt der charakteristische Klang klar und leuchtend und tief empfundene Musikalität verbindet sich mit anrührender Emotionalität. So wird jedes Konzert mit VOCES8 zu einem intensiven, unmittelbar berührenden Hörerlebnis.

Die Konzertprogramme von VOCES8 sind stets sorgfältig kuratiert und stilistisch breit gefächert. Wie entstehen diese Programme konkret? Welche Kriterien entscheiden darüber, welches Werk auf die Bühne kommt: persönliche Präferenzen, ein thematisches Konzept oder strategische Überlegungen im Hinblick auf Publikum und Spielorte?

Für uns ist die Programmgestaltung zugleich ein künstlerischer wie auch ein strategischer Prozess. Er beginnt fast immer mit einem Konzept oder einem erzählerischen Bogen und nicht mit einer bloßen Liste von Werken. Ich denke dabei vor allem dramaturgisch: Wie fühlt sich die emotionale Reise für das Publikum bei über 90 Minuten an? Wo liegen die Momente der Stille, der Energie, des Lichts und des Schattens? Wir lieben es, wenn Menschen in unseren Konzerten sowohl lachen als auch weinen.

Ausgehend davon werden die Repertoireentscheidungen durch verschiedene Filter betrachtet. Natürlich spielen persönliche Interessen eine Rolle – Werke, die wir lieben und an die wir glauben. Gleichzeitig berücksichtige ich aber auch die Akustik, das jeweilige Publikum, die Bedingungen und praktischen Aspekte einer Tournee und wie sich das Programm in den größeren künstlerischen Zusammenhang von VOCES8 einfügt. Eine stark resonierende Kirche kann nach einem ganz anderen Repertoire verlangen als ein Konzertsaal. Ebenso unterscheidet sich das Publikum von Ort zu Ort, und an erster Stelle steht für uns immer, etwas anzubieten, das den Menschen wirklich Freude bereitet.

Es geht also nie nur um Geschmack. Es geht darum, ein in sich stimmiges Erlebnis zu schaffen, das musikalisch, emotional und im jeweiligen Kontext überzeugt.

 

 

VOCES8 besteht aus insgesamt 8 Mitgliedern. Kommt es dabei auch gelegentlich zu künstlerischen Meinungsverschiedenheiten? Was kann man daraus über die Zusammenarbeit im Kollektiv lernen?

Wir arbeiten sehr kollaborativ, aber ich bin der Artistic Director und trage letztlich die Verantwortung für die Leitung der Gruppe. Wenn wir auf der Bühne stehen, gibt es allerdings niemanden, der vorne steht und den Einsatz gibt – deshalb muss jede und jeder aktiv mitdenken, statt auf Anweisungen zu warten.
Reine Demokratie kann aber auch sehr zeitaufwendig sein und wenn acht Menschen über alles einer Meinung sein sollen, führt das manchmal zu so vielen Kompromissen, dass eine klare Richtung verloren geht. Deshalb führe ich eher durch Fragen als durch Vorgaben, und alle wissen, dass sie sich jederzeit einbringen können. Diese Balance hat sich für uns als effizient und zugleich stärkend erwiesen.
Unterschiedliche Meinungen entstehen natürlich, und das ist auch gut so. Wichtig ist, dass wir respektvoll diskutieren und immer wieder zu derselben Frage zurückkehren: Was dient der Musik und dem Publikum am besten?

 

Der Ensembleklang von VOCES8 gilt als unverwechselbar – transparent, flexibel und zugleich hochpräzise. Was macht für Sie ein wirklich gutes Vokalensemble aus, abseits von technischer Perfektion? Welche Faktoren sind entscheidend für langfristigen Zusammenhalt und eine produktive künstlerische Entwicklung?

Ich denke, die Technik ist nur der Ausgangspunkt. Harmonie, Intonation und Präzision werden vorausgesetzt – sie gehören für uns zum Handwerkszeug.
Was ein Ensemble für mich aber wirklich auf ein höheres Niveau hebt, ist eine Kultur des Zuhörens, sowohl auf als auch neben der Bühne, sowie die Bereitschaft, die Bedürfnisse der Gruppe über die eigenen zu stellen. Die besten Momente entstehen, wenn alle gemeinsam atmen und fühlen und musikalische Entscheidungen kollektiv im selben Augenblick treffen. Vertrauen ist dabei ebenso entscheidend – das Vertrauen, verletzlich zu sein und zu experimentieren.
Langfristiger Zusammenhalt entsteht für uns durch gemeinsame Werte und eine offene, großzügige Haltung im Miteinander. Acht starke Musikerinnen und Musiker können nicht einfach nebeneinander existieren; sie müssen sich künstlerisch und menschlich gegenseitig tragen.

 

Was das Publikum auf der Bühne erlebt, ist das Ergebnis eines oft langen und vielschichtigen Probenprozesses. Gibt es Momente oder Phasen in der Probenarbeit, die Außenstehende kaum erwarten würden, die aber entscheidend dafür sind, dass ein Konzert am Ende gelingt?

Wir sprechen in den Proben viel, aber ich glaube, dass unsere besten Ergebnisse oft in den unausgesprochenen Momenten entstehen.
Mir ist es wichtig, dass die Gruppe so gut vorbereitet ist, dass jede und jeder das Stück wirklich durchdrungen hat, allerdings nicht so sehr, dass jedes Detail bereits festgelegt ist. So bleiben wir im Moment lebendig, hören einander mit Erwartung zu und genau dann passiert oft das Magische.
Ein schöner Aspekt des Tourneelebens ist, dass Publikum und Akustik sich jeden Tag verändern. Diese Faktoren haben einen großen Einfluss darauf, wie wir singen, und sie helfen uns, unsere Musik und unsere Energie lebendig und offen zu halten.
Wenn man eine Probe miterleben würde, wäre man wahrscheinlich am meisten überrascht davon, wie sich unsere Rollen ständig zwischen Führen und Zuhören verschieben. Es ist ein sehr fließendes, anpassungsfähiges System.

 

 

 

Die Stimme ist das einzige Instrument, das allein mit dem Körper zu erzeugen ist. Welche Rolle spielt der Körper für den musikalischen Ausdruck? Und wie bewusst wird dieser Aspekt in der Probenarbeit des Ensembles eingesetzt?

Der Körper ist tatsächlich das Instrument. Haltung, Atmung und Spannung wirken sich unmittelbar auf den Klang aus.

Wir arbeiten sehr bewusst mit körperlicher Wahrnehmung – damit, wie wir stehen, wie wir Spannung aufbauen und lösen und wie der Atem fließt. Schon kleine Veränderungen können unseren Klang vollständig verwandeln.

Gleichzeitig denken wir über den Körper auch in einer expressiven Dimension nach: Bewegung in einem Stück oder bewusste Ruhe in einem anderen kann für das Publikum eine unterschwellige Bedeutung transportieren. In vielerlei Hinsicht ist unsere visuelle Präsenz ebenso sorgfältig durchdacht wie unser Klang. Wenn Menschen uns live erleben, reagieren sie oft genauso stark mit den Augen wie mit den Ohren.

 

In einem Konzert diesen Sommer steht VOCES8 mit dem VOCES8 Foundation Choir und Orchestra auf der Bühne. Was hat es mit diesen beiden Ensembles auf sich? Welche Rolle spielt die Vermittlungs- und Bildungsarbeit für VOCES8? Und welche Bedeutung hat dieses Engagement für die künstlerische Identität des Ensembles?

Bildungsarbeit steht im Zentrum dessen, wer wir sind. Die VOCES8 Foundation wurde gegründet, um professionelles Musizieren für junge Menschen und Gemeinschaften zugänglich zu machen und möglichst vielen die Erfahrung zu ermöglichen, ihre eigene Stimme zu nutzen.

Wir bieten eine Vielzahl von Weiterbildungsprogrammen an und der große Foundation Choir ist eine wunderbare Möglichkeit, mit ehemaligen und aktuellen Teilnehmenden sowie mit professionellen Musikerinnen und Musikern aus unseren anderen Ensembles, wie zum Beispiel Apollo5, zusammenzuarbeiten.

Das ist für uns kein Zusatzprojekt, sondern prägt unsere Identität ganz wesentlich. Die Arbeit in diesem Bereich hält uns neugierig und gibt uns eine Verantwortung. Mit jungen Musikerinnen und Musikern zu arbeiten, erinnert uns daran, warum wir uns ursprünglich in die Musik verliebt haben – und diese Energie fließt direkt in unsere eigene künstlerische Arbeit zurück.

 

VOCES8 ist schon seit vielen Jahren zu Gast beim Rheingau Musik Festival. Was verbindet das Ensemble mit dem Festival? Gibt es vielleicht einen Moment, an den Sie sich gerne zurückerinnern?

Das Rheingau Musik Festival zaubert uns jedes Mal ein Funkeln in die Augen. Es fühlt sich wie ein echtes Highlight unseres Jahres an. Das Publikum hört unglaublich aufmerksam zu und die Spielorte haben so viel Charakter und Geschichte.

Einige unserer intimsten und atmosphärischsten Konzerte haben dort stattgefunden, besonders in Kirchen, deren Akustik regelrecht zu leuchten scheint. Ich erinnere mich an ein Weihnachtskonzert in Eibingen, bei dem es in der Kirche so kalt war, dass man fast den Atem sehen konnte – und doch fühlte sich der Klang unglaublich warm an. An Orten mit einer solchen historischen Tiefe zu musizieren, hinterlässt einen bleibenden Eindruck.

 

In diesem Sommer singen Sie in unterschiedlichen Locations und auf unterschiedlichen Bühnen, darunter in Kirchen und Klöstern. Wie beeinflussen wechselnde Spielorte und die jeweilige Akustik die musikalische Arbeit?

Wir begreifen jeden Raum als einen Mitspieler. In einer sehr halligen Kirche singen wir möglicherweise mit mehr Artikulation, weicheren Konsonanten und großzügigeren Tempi. In einem Raum, der die Klänge weniger trägt, müssen wir die musikalischen Linien stärker selbst formen und Phrasen aktiver gestalten. Auch die Balance verändert sich: Manchmal müssen Mittelstimmen stärker hervortreten, oder wir brauchen mehr oder weniger Bass.

Dabei denken wir immer auch aus der Perspektive des Publikums. In einer prachtvollen Akustik können sich die Zuhörerinnen und Zuhörer einfach im Klang baden. In einem Raum mit wenig Nachhall setzen wir stärker auf direkte Kommunikation und Persönlichkeit.

Das hält uns flexibel. Die Musik bleibt dieselbe, aber die Art, wie wir sie vermitteln, wird immer vom Raum geprägt.

 

Als Fokus-Ensemble sind Sie in gleich mehreren Konzerten erlebbar. Auf was darf sich das Publikum in diesem Sommer besonders freuen?

Idealerweise lernen die Menschen uns kennen. Unsere Konzerte sollen sich ein wenig wie ein Dinnerabend anfühlen – wir acht auf der Bühne und das Publikum als neunter Gast am Tisch. Im Laufe der Konzerte zeigen wir die ganze Bandbreite dessen, was VOCES8 ausmacht, und wir hoffen, dass man nicht nur schöne Klänge erlebt, sondern auch spürt, wer wir sind, woher wir kommen und was uns antreibt. Vor allem soll jedes Konzert menschlich und kommunikativ wirken – nicht nur perfekt poliert.

Ganz persönlich freue ich mich sehr darauf, die Musik unseres Programms Crowning Glory zu teilen. Es enthält einige weniger bekannte Kostbarkeiten ebenso wie Momente großer Kraft, Schönheit und Finesse. Es wird ein mitreißender Abend.

Vielen Dank für das Interview!

Header © Andy Staples