Die Trompete ist ihre Stimme: Zwischen Kammermusik und großen Orchesterwerken bewegt sich Lucienne Renaudin Vary mit derselben Selbstverständlichkeit, mit der sie Jazzstandards und Improvisationen präsentiert. In ihrer Musik verschmilzt Technik mit Ausdruck und Struktur mit Freiheit. Gleichermaßen berührend wie beeindruckend sind die Konzerte der jungen Trompeterin, wenn sie mit ihrem Instrument farbenreichen Programme zwischen Klassik und Jazz in diesem Sommer auf die Bühne zaubert.
Sie sind der Trompete erstmals in einem Workshop begegnet, als Sie acht Jahre alt waren. Was war das für ein Gefühl? Wie wussten Sie, dass Sie mit der Trompete Ihr musikalisches Ausdrucksmittel gefunden haben?
Diesen Moment werde ich mein ganzes Leben lang in Erinnerung behalten. Ich habe meine große Leidenschaft sofort entdeckt. Es war wirklich der Wendepunkt meines Lebens. Ich habe mich in den Klang verliebt und in alles, was dazugehört: die Art, wie man das Instrument hält, die körperliche Nähe dazu, die Tatsache, dass jede Trompeterin und jeder Trompeter einen ganz eigenen Klang besitzt, die verschiedenen Dämpfer, die Vielfalt der Stilrichtungen. Ich war vollkommen mitgerissen. Als ich zu üben begann, wusste ich, dass dies mein Beruf und mein Leben werden würde. Du hast vollkommen recht, wenn du sagst, dass die Trompete mein gewähltes Ausdrucksmittel ist – denn ich denke, letztlich ist es egal, welches Instrument man spielt: Es ist immer die eigene Seele, die spricht.
In Ihren Konzerten präsentieren Sie viele verschiedene Genres – von klassischen Werken über Jazz bis hin zu zeitgenössischen Stücken, die Sie teilweise auch miteinander verbinden. Haben Sie dennoch ein präferiertes Genre, eines, dem sie sich am meisten verbunden fühlen oder das Sie am meisten interessiert?
Es war für mich schon immer ein inneres Bedürfnis, viele unterschiedliche Stilrichtungen zu spielen. Das habe ich von Anfang an gespürt. Ich konnte mich nie entscheiden, deshalb spiele ich einfach alles! Selbst bei der Aufführung eines klassischen Konzerts an der Seite eines Orchesters spiele ich gerne eine improvisierte Jazz-Zugabe oder ein Stück aus einem anderen Genre. Das gibt mir Freiheit und schenkt dem Publikum gleichzeitig etwas Erfrischendes: einen anderen Klang, eine neue Perspektive. Besonders mag ich es, wenn das Publikum die Brücke zwischen den Genres selbst schlägt – geprägt durch die eigene kulturelle Erfahrung und persönliche Geschichte.
Die Trompete gilt als eines der anspruchsvollsten Blasinstrumente. Sie verlangt nicht nur eine ausgefeilte Technik und einen beständigen Ansatz, sondern auch ein sensibles Gespür für Klang, Atemführung und musikalische Nuancen. Wie gestalten Sie Ihren Übungsalltag und welche Rolle spielt regelmäßiges Training für Sie? Bereiten Sie sich mit bestimmten Übungen oder Ritualen auf Konzerte vor?
Da hast du absolut recht – Trompete zu spielen ist nicht jeden Tag einfach. Deshalb gehört es für mich zum Beruf, genau das zu akzeptieren und widerstandsfähig zu bleiben. An manchen Tagen ist man in Bestform, an anderen eben nicht. Die Trompete ist wie ein Sport. Es ist extrem wichtig, jeden Tag zu spielen. Genauso wichtig ist es jedoch, nichts zu erzwingen, besonders beim Einspielen. Ich gestalte das oft wie eine Meditation, bei der ich versuche, jede einzelne Empfindung bewusst wahrzunehmen …
Gibt es Momente, in denen Sie bewusst die Technik hinter sich lassen und einfach „aus dem Bauch heraus“ spielen? Und wie fühlen sich diese Momente an?
Wenn ich ganz ehrlich bin vergesse ich die Technik, sobald ich ein Konzert spiele. Ich glaube, weder das Publikum noch die Musikerinnen und Musiker auf der Bühne wollen Technik hören. Denn wir wollen in erster Linie fühlen – und das geht über Technik hinaus. Natürlich muss man sich mit der Technik beschäftigen, aber meiner Meinung nach gehört das ausschließlich ins Übungszimmer. Ich erlebe Musik sehr instinktiv, natürlich, völlig ohne eine intellektuelle Konstruktion. Ich kann das kaum erklären, es ist einfach in mir. Meine Leidenschaft dafür ist so stark, dass ich sie leben muss.
Stellen Sie sich vor, Sie könnten für eine einzige Stunde mit einem Musiker oder einer Musikerin aus der Vergangenheit zusammenspielen. Wer wäre es, und was würden Sie von ihm lernen wollen?
Es gibt so viele, aber ich möchte einen Komponisten nennen, der selbst nie aufgenommen wurde – gerade deshalb lernen wir so viel von ihm. Es ist Johann Sebastian Bach. Die Musik, die er hinterlassen hat, enthält keine dynamischen Angaben, und ich würde unglaublich gerne hören, wie er seine Werke selbst gespielt hat. Eigentlich geht es mir also weniger darum, mit ihm zu musizieren, als ihm einfach zuzuhören. Vom Zuhören lerne ich viel mehr als vom Spielen.
Sie haben schon zahlreiche Alben mit unterschiedlichen Genres und Schwerpunkten aufgenommen. Wie entsteht ein neues Projekt oder Album bei Ihnen? Was kommt zuerst: die Idee, das Repertoire oder ein bestimmtes Thema?
Der Entstehungsprozess ist immer unterschiedlich. Besonders dann, wenn man Musik aufnimmt, die man bereits oft live gespielt hat, oder neue Werke beziehungsweise speziell für ein Album geschaffene Arrangements.
Manchmal geht alles von der Idee einer Komponistin oder eines Komponisten aus, etwa wie bei dem Album „Piazzolla Stories“, für das ich die Recherche sehr geliebt habe. Manchmal geht es wiederum von einem bestimmten Genre aus, wie es bei „Trumpet Concertos“ der Fall war. Und manchmal von einer bestimmten Stimmung, aus der heraus man Stücke sammelt, wie bei meinem Album „Winter Garden“. Ich habe jeden einzelnen Schritt der Albumproduktion geliebt.
Sie treten weltweit auf und haben bereits viele außergewöhnliche musikalische Erfahrungen gesammelt. Gab es ein Konzert oder einen besonderen Moment auf der Bühne, der für Sie eine ganz besondere Bedeutung hatte, vielleicht, weil er Sie künstlerisch geprägt, berührt oder in Ihrer Entwicklung bestärkt hat?
In dem Zusammenhang fallen mir einige besondere Momente ein. Sehr präsent sind die Erinnerungen an Vladimir Spivakov. Er war einer der Ersten, der mir sein Vertrauen schenkte und mich ein Konzert spielen ließen. Ein besonders schöner Moment war ein kleines privates Konzert, das er meiner Mutter und mir schenkte – ich war zutiefst bewegt.
Ebenso unvergesslich sind meine Erlebnisse mit Vladimir Ashkenazy bei der Aufführung des Konzerts für Klavier, Trompete und Streicher Nr. 1 von Dmitri Schostakowitsch, bei der ich auf der Bühne einen Moment reiner Leichtigkeit erlebte. Das ist ein extrem seltenes, einzigartiges Gefühl. Auch mit Félicien Brut, mit dem ich über hundert Konzerte gespielt habe, verbinde ich wunderbare Erinnerungen. Solche besonderen Augenblicke lassen sich nicht planen, sie passieren einfach, wenn alles zusammenkommt, wenn die Sterne günstig stehen und dieser eine, einzigartige Moment entsteht.
Die klassische Musikszene befindet sich in einem Wandel. Neue Formate, jüngeres Publikum, Social Media, veränderte Erwartungen an Künstlerinnen und Künstler. Wie nehmen Sie diese Entwicklung wahr, sowohl aus persönlicher Erfahrung als auch aus der Perspektive einer Künstlerin, die selbst früh internationale Aufmerksamkeit erhielt? Welche Verantwortung, aber auch welche Möglichkeiten ergeben sich daraus?
Das ist eine sehr gute Frage und schwer in wenigen Worten zu beantworten. Was ich aber sagen kann ist, dass jede Erfahrung anders ist. Dieser Beruf ist so außergewöhnlich, und wir sind alle unterschiedlich, dass jede und jeder ihn ganz individuell wahrnimmt. Ehrlich gesagt ist das auch ein wenig beängstigend: Heute erwarten wir unglaublich viel von Künstlerinnen und Künstlern – ganz anders als früher, als es genügte, einfach ein Konzert zu spielen. Ich würde nicht sagen, dass das Publikum generell jünger geworden ist – das hängt stark von Sälen, Ländern und Kontexten ab. Ziel ist jedoch immer, Menschen aller Altersgruppen zu erreichen, was eine tägliche Herausforderung darstellt. Was mir ebenfalls Sorge bereitet, ist eine Gesellschaft, die das Bild oft höher bewertet als den Inhalt – etwa die Musik selbst. Ich bin sehr gespannt, wie die Welt der klassischen Musik in zehn Jahren oder vielleicht schon früher aussehen wird.
In diesem Sommer sind Sie im Rheingau sowohl mit großen Orchestern als auch in unterschiedlichen Duo-Besetzungen zu erleben. Erfordert jede Formation eine andere Herangehensweise an Interpretation und musikalischer Kommunikation?
Das ist einer der Gründe, warum ich diese Residenz so liebe: Sie ist eine echte Herausforderung. Mit dem breiten Repertoire kann ich zeigen, was mit der Trompete alles möglich ist. Und das ist unglaublich spannend. Das Publikum wird nahezu all meine Formationen erleben können. Und ich freue mich sehr darauf, nach den Konzerten mit den Menschen ins Gespräch zu kommen.
Vielen herzlichen Dank für das Interview!