Ob auf internationalen Bühnen oder auf Social Media: Der japanische Pianist Hayato Sumino erobert die Musikwelt im Sturm. Sein Markenzeichen: musikalische Traditionen mit visionären Interpretationen und Eigenkompositionen in die Zukunft führen. Virtuos, außergewöhnlich und ganz persönlich verleiht Hayato Sumino Vertrautem neue Leuchtkraft, wenn in seinen Konzerten klassische Werke auf Improvisation, jazzige Harmonien und eigene Kompositionen treffen.
Ihr musikalisches Spektrum reicht von klassischer Musik über Jazz bis hin zu zeitgenössischen Werken. Zudem komponieren Sie auch selbst. Woher schöpfen Sie Ihre Inspiration und was möchten Sie mit Ihren eigenen Kompositionen ausdrücken, was sich durch Interpretationen allein vielleicht nicht sagen lässt?
Meine Inspirationsquellen sind sehr vielfältig: Musik, Malerei, Film, der Alltag oder Landschaften die Natur mit ihren Landschaften. Gerade die Mischung all dieser scheinbar unzusammenhängenden Einflüsse prägt meine musikalische Persönlichkeit. In meinen eigenen Kompositionen kommt diese Persönlichkeit am unmittelbarsten zum Ausdruck. Dort kann ich am meisten ich selbst sein.
Das Spannungsfeld zwischen Tradition und Erneuerung prägt Ihr künstlerisches Arbeiten. Wie gelingt es Ihnen, das musikalische Erbe zu bewahren und zugleich weiterzuentwickeln? Gibt es einen Leitgedanken oder vielleicht sogar ein persönliches „Geheimnis“, das Sie dabei begleitet?
Mein Leitprinzip lautet: Den Kern respektieren, an der Oberfläche frei sein.
Der Kern besteht aus Struktur, Intention und Ästhetik. Es ist wie eine unsichtbare Architektur. Wenn ich diese wirklich tief verstehe, kann ich mir die Freiheit in Klangfarbe, Timing und Anschlag erlauben, auch in genreübergreifenden Projekten, ohne der Musik untreu zu werden. Anders gesagt: Je ernster ich die Wurzeln nehme, desto natürlicher können neue Äste wachsen.
Improvisation und Spontaneität spielen in Ihrer Musik eine besondere Rolle. Wie wichtig sind diese Elemente für Ihr kreatives Schaffen sowohl auf der Bühne als auch im Kompositionsprozess?
Improvisation ist für mich so etwas wie meine instinktive Sprache und der Ursprung fast all meiner kreativen Arbeit. Ohne sie hätte ich das Gefühl, meine eigene Stimme würde mir versiegelt, als dürfte ich nicht mehr in meinen natürlichen Worten sprechen. Im Konzert ist sie ebenso wichtig, weil sie das Musizieren wirklich lebendig hält. Improvisation erlaubt mir, auf den Raum, das Instrument, das Publikum und meine jeweilige Stimmung reagieren zu können. Da immer ein Moment des Unvorhersehbaren bleibt, fühlt sich jedes Konzert neu an. Und genau das hilft mir, jedes Mal alles zu geben.
Welche Verantwortung empfinden Sie als Künstler in Zeiten von TikTok, YouTube & Co.? Gibt es Grenzen dessen, wie weit Sie sich oder Ihre Musik online inszenieren möchten?
Ich empfinde vor allem die Verantwortung, ehrlich zu bleiben. Wenn mir etwas als Musiker keinen echten Spaß macht, möchte ich es nicht tun, nur weil es online gut funktionieren könnte. Gleichzeitig nutze ich diese Plattformen gern als Eingangstor. Wenn ein Video die musikalische Neugier eines Menschen weckt und ihn dazu bringt, tiefer zuzuhören oder sogar ein Konzert zu besuchen, ist das für mich das beste Ergebnis.
Ja, es gibt also Grenzen. Ich habe kein Interesse daran, mich auf eine künstliche Weise zu inszenieren oder Musik zu einem bloßen Aufmerksamkeits-Trick zu machen. Was ich teile, soll spielerisch und zugänglich sein, aber immer in echter musikalischer Arbeit verwurzelt bleiben.
Gab es eine Begegnung, ein Konzert oder einen Moment auf der Bühne, der Ihren musikalischen Weg entscheidend geprägt oder verändert hat?
Zusammen mit Martha Argerich zu spielen war für mich eine prägende Erfahrung. Jeder Ton, den sie spielte, schien einen eigenen Duft zu haben. Das war nichts, was ich hätte imitieren können, aber ihre Präsenz hat meine Wahrnehmung geschärft und die Art verändert, wie ich am Klavier zuhöre und Klang imaginiere.
Vielen Dank für das Interview!
Header © Jonas Werner-Hohensee
Er ist einer unserer liebsten Stammkünstler und gemeinsam feiern wir in diesem Jahr seinen 70. Geburtstag. Kaum ein Jazzer hat das Rheingau Musik Festival in den vergangenen Jahren so sehr geprägt wie der schwedische Posaunist und Sänger Nils Landgren. Und auch in diesem Jahr ist er in unterschiedlichsten Formationen mit energiegeladenem Funk, intimen Balladen und rhythmischen Grooves auf den Bühnen des Rheingaus zu erleben!
Sie blicken auf eine lange und erfolgreiche Karriere zurück, in der Sie auf vielen bedeutenden Bühnen gespielt haben. Gab es Schlüsselmomente, auf die Sie besonders gerne zurückblicken, Momente, die Sie künstlerisch oder persönlich geprägt haben?
Es gibt viele Momente, aber einige bleiben natürlich besonders stark in Errinnerung. So, zum Beispiel, mein erstes Bigbandkonzert, als ich 14 Jahre alt war, und ich mich gewagt habe, ein Solo zu spielen. Vielleicht war es nicht gut aber immerhin ein Versuch. Mit 25 Jahren bin ich mit dem weltbekannten Bigbandleader Thad Jones nach Milan geflogen, um in seiner Band erste Posaune zu spielen. Das war wirklich großes Kino! 1991 durfte ich bei der Gründung von JazzBaltica dabei sein. Das war ein erster großer Schritt außerhalb Schwedens eine Karriere zu starten.
Jeder Musiker und jede Musikerin hat eine persönliche Geschichte, wie er oder sie zu seinem Instrument gefunden hat. Wie sind Sie überhaupt zur Posaune gekommen?
Als ich 13 Jahre alt war und von der Schule nach Hause kam, bin ich auf eine Posaune gestoßen, die im Flur stand. Und da ich schon immer einfach sehr neugierig war, wollte ich das Instrument natürlich sofort ausprobieren – und der Rest ist Geschichte.
Sie sind musikalisch sehr breit aufgestellt. Wo fühlen Sie sich musikalisch am wohlsten? Gibt es ein Werk oder einen Song, der nie langweilig wird und den Sie immer wieder neu interpretieren?
Ich fühle mich genau dort wohl, wo ich mich momentan befinde und ich versuche jeden Moment zu genießen. Wie ich schon erwähnt habe, ich bin sehr neugierig und immer auf der Suche nach neuen Herausforderungen. Es gibt einen Song, den ich immer wieder gerne singe und spiele, egal ob im Duo mit dem Gitarristen Johan Norberg oder arrangiert vom großartigen Vince Mendoza für großes Sinfonieorchester. Und zwar ist das der Song „Get here“ von Brenda Russell. Übrigens, ist sie eine gute Freundin von mir, und ich war sogar im Studio, als sie den Song in Stockholm aufgenommen hat.
Die Live-Musik lebt vom Zusammenspiel zwischen den Musikerinnen und Musikern und dem Publikum. Wie beeinflusst die Stimmung des Publikums Ihr eigenes Spiel? Spüren Sie die Energie und lassen Sie sich davon inspirieren?
Absolut! In der Musik geht es ja um Kommunikation und nur wenn diese Kommunikation zwischen Bühne und Publikum entsteht, bin ich happy. Es gibt nichts Besseres als einen Saal voller glücklicher Menschen – sowohl auf der Bühne als auch im Publikum.
Zwischen sorgfältiger Vorbereitung und Intuition entsteht die persönliche Interpretation. Einige Musikerinnen und Musiker berichten oft von Momenten, in denen aber vor allem das Instinktive überwiegt. Welche Rolle spielt Intuition beim Musizieren im Vergleich zu Technik, Vorbereitung und Planung?
In dem musikalischen Bereich, den man meist Jazz nennt – oder vielleicht treffender als improvisierte Musik bezeichnen könnte –, spielt Intuition eine zentrale Rolle. Ohne den eigenen Instinkt wäre es kaum möglich, diese Art von Musik zu interpretieren. Jedes Mal entsteht etwas Neues: Die Ideen von gestern sind meist schon vergessen und ich muss mir immer wieder etwas Neues einfallen lassen. Genau das macht die Musik so spannend. Aber es ist gleichzeitig auch eine große Herausforderung, die mit viel Verantwortung verbunden ist.
Die Musik lebt von Tradition, aber auch von neuen Stimmen und Werken. Gibt es Komponisten, Werke oder Stile, die Sie der nächsten Generationen besonders gerne näherbringen würden?
Diese Frage ich überlasse ich gerne der nächsten Generation. Ich liebe einfach Musik.
Oft begegnet man in der Musik unerwarteten Klängen oder kompositorischen Ideen, die den eigenen Horizont erweitern. Welche Werke, Künstlerinnen oder Künstler haben Sie überrascht, weil sie völlig anders waren, als Sie es erwartet hätten?
Es gibt im Leben viele Überraschungen und eine davon war für mich, den deutschen Posaunisten Albert Mangelsdorff live zu erleben. Mitte der 1970er-Jahre hörte ich ihn bei einem Konzert im Goethe-Institut in Stockholm. Er trat solo auf, ganz allein mit seiner Posaune, und sang gleichzeitig während des Spiels, wodurch er Mehrstimmigkeit erzeugte. Das war sehr ungewöhnlich und vor allem beeindruckend. Dieser Moment hat mich tief geprägt. Später haben wir uns kennengelernt und auch gemeinsam Musik gemacht. Einige Zeit danach wurde ich schließlich sein Nachfolger als künstlerischer Leiter des Jazzfests Berlin.
Sie stehen selten allein auf der Bühne und treten gern in unterschiedlichen Formationen auf. Wie wichtig ist Ihnen die Zusammenarbeit mit Kolleginnen, Kollegen oder Orchestern? Inwiefern prägen diese Beziehungen Ihre eigenen Interpretationen?
Mit ein bisschen Glück wird jede Formation zu einer Familie und es ist immer schön, diese unterschiedlichen „Familien“ zu treffen, ganz gleich, ob wir gemeinsam Musik machen oder uns einfach ohne Instrumente begegnen. Jede Familie ist anders und vor allem einzigartig und das gilt auch für uns Künstlerinnen und Künstler. Es geht um Verständnis und Liebe sowohl beruflich als auch privat.
In einem Ihrer Sommerkonzerte geht es um sehr persönliche Werke, Lieder und Melodien aus Ihrer Heimat. Welche musikalischen Erinnerungen verbinden Sie mit Skandinavien, mit Schweden? Wie hat dieses Land Sie und Ihre Musik geprägt?
Ich bin in Schweden geboren. Ich sehe mich aber wie ein Weltbürger, der sich (fast) überall zu Hause fühlt, solange die eigenen Wurzeln irgendwo, irgendwie im Herzen verankert bleiben. Schweden und Skandinavien trage ich immer in und bei mir. Sie sind meine musikalische Schatzkiste, in der es stets Neues zu entdecken und zu erleben gibt.
Sie sind seit vielen Jahren ein fester Bestandteil des Rheingau Musik Festivals. Was verbinden Sie persönlich mit dem Festival, mit der Region und den Menschen, die hier regelmäßig zusammenkommen?
Das Rheingau Musik Festival ist so ein schönes Festival: vielfältig, großzügig, herzlich und dabei immer auf dem höchsten Niveau, sowohl musikalisch als auch menschlich. Ich habe beim Festival unzählige wunderbare Momente erlebt, tolle Menschen getroffen, viele neue Freundschaften geschlossen und sehr viel Liebe erfahren. Dafür bin ich ewig dankbar. Ich hoffe sehr, dass das Festival noch lange genau so weiterbesteht.
Gemeinsam dürfen wir Ihren 70. Geburtstag feiern. Haben die Programme etwas mit diesem besonderen Ereignis zu tun? Wie haben Sie die kommenden Konzerte im Rheingau kuratiert und gestaltet?
Ich habe Musik ausgewählt, die mir persönlich sehr gefällt und ich hoffe, dass sie auch beim Publikum gut ankommt. Gemeinsam mit den Gastmusikerinnen und -musikern werden wir eine Mischung aus schwedischen, skandinavischen und internationalen Stücken singen und spielen. Ich freue mich riesig, erneut beim Rheingau Musik Festival Gast zu sein.
Auf was freuen Sie sich am meisten beim Rheingau Musik Festival?
Auf die Menschen, die Musik und die Liebe zum Leben!
Vielen Dank für das Interview!
María Dueñas zählt zu den aufregendsten jungen Geigerinnen ihrer Generation. Mit technischer Brillanz, klanglicher Tiefe und außergewöhnlicher Reife verbindet sie Virtuosität mit leidenschaftlicher Intensität und begeistert auf den großen internationalen Bühnen. Ob im klassischen Repertoire oder in großen romantischen Werken – María Dueñas verleiht jeder Komposition eine persönliche, von natürlicher Eleganz geprägte Handschrift, die sie in drei Konzerten beim diesjährigen Rheingau Musik Festival eindrucksvoll präsentiert.
Sie stehen bereits seit einigen Jahren auf den großen Bühnen der Klassik-Welt. Was bedeutet Musik für Sie persönlich? Gibt es auch Tage, an denen Sie bewusst ohne Musik auskommen?
Musik ist mein ganzer Alltag, sie gibt mir Halt und lässt mich fühlen, was Worte nicht können. Es gibt seltene Tage, da lasse ich sie mal ruhen, vielleicht beim Spazieren oder beim Wandern, aber sie schleicht sich immer wieder ein und summt im Hinterkopf.
Gibt es ein Werk, das Sie besonders gerne spielen, oder eines, das Sie immer wieder vor neue, unerwartete Herausforderungen stellt?
Die Chaconne von Johann Seabstian Bach gehört zu den Werken, zu denen ich immer wieder gern zurückkehre. Gleichzeitig stellt sie mich jedes Mal vor neue Herausforderungen, weil sie so vielschichtig ist. Man hört nie auf, Neues zu entdecken.
Was zieht Sie an einem Werk am meisten an: die technische Herausforderung, die emotionale Tiefe, die historische Bedeutung oder etwas ganz anderes?
Am stärksten berührt mich die emotionale Tiefe eines Werkes, dieses unmittelbare, „pure“ Gefühl dahinter. Technik und historische Dimension gehören selbstverständlich dazu und runden das Ganze ab, aber letztlich ist es diese innere Kraft eines Stückes, die mich nicht mehr loslässt.
Ihre Technik und ihr musikalisches Gespür werden auf der ganzen Welt gefeiert und bewundert. Wenn Sie sich auf einen Auftritt vorbereiten, erlauben Sie sich bewusst kreative Risiken? Wie finden Sie das Gleichgewicht zwischen Kontrolle und Freiheit?
Ich halte es für notwendig, immer wieder bewusst Neues auszuprobieren und kleine Risiken einzugehen, um die Musik lebendig zu halten. Kontrolle schenkt Stabilität, Freiheit sorgt für den zündenden Funken. Die Balance aus beidem ist für mich ideal und entsteht durch intensive Arbeit und genaues Hineinhören in die Musik und in mich selbst.
Haben Sie persönliche Rituale oder Gewohnheiten, mit denen Sie sich auf Konzerte vorbereiten? Mit Ihrer Professionalität und der Ruhe, die Sie auf den Konzertbühnen ausstrahlen, spielt Nervosität und Aufregung nach den Jahren überhaupt noch eine Rolle für Sie?
Meine Rituale sind relativ schlicht: das Instrument aufwärmen, bewusst atmen, die Atmosphäre des Konzerts innerlich durchgehen. Nervosität, oder besser gesagt eine Art positive Aufregung, ist immer da, aber sie äußert sich inzwischen als Energie, die mich antreibt, statt mich zu blockieren.
Welchen musikalischen Projekten oder Kompositionen möchten Sie sich in Zukunft noch widmen?
Ich bin offen und neugierig für neue Projekte, die auf mich zukommen, gern auch zeitgenössische Werke oder eigene Kompositionen. Mich reizt alles, was meinen Horizont erweitert und mir neue Ausdrucksmöglichkeiten eröffnet.
Mit ihren drei Konzerten beim Rheingau Musik Festival spielen Sie sowohl im Kurhaus Wiesbaden als auch im Kammermusiksaal von Schloss Johannisberg. Beeinflussen solch unterschiedliche Orte und Räume ihr Spiel? Wie prägen Aufführungsorte die Interpretation eines Stückes?
Unbedingt. Das Kurhaus verlangt nach Kraft und Weite im Klang, während Johannisberg eher Feinheit und Nähe einfordert. Der Raum beeinflusst Dynamik, Atmung und die Verbindung zum Publikum. Er ist wie ein zusätzlicher Mitspieler. Gerade diese unterschiedlichen Facetten an einem Werk sichtbar zu machen, finde ich äußerst spannend.
Als Fokus-Künstlerin beim Rheingau Musik Festival sind Sie in mehreren Konzerten und unterschiedlichen Besetzungen zu erleben. Wie unterscheiden sich Rezitale oder Duoabende von Solopartien an der Seite großer Orchester? Spielt das Zwischenmenschliche eine große Rolle oder geht es letztlich nur um die Musik?
Rezitale und Duos leben stark von der unmittelbaren und musikalischen Verbindung zu den Partnern, das hat etwas sehr Intimes. Gleichzeitig spielt aber auch das Publikum eine entscheidende Rolle. An der Seite eines Orchesters trage ich meine Solostimme über einem großen Klangkörper; ohne die menschliche Ebene, ohne dieses Miteinander, würde alles flach wirken. Musik ist immer Beziehung, ob im Duo, im Rezital oder in der Solopartie mit Orchester.
Wir freuen uns sehr, dass Sie das Festival mit Ihren Konzerten bereichern. Worauf darf das Publikum gespannt sein und worauf freuen Sie sich selbst am meisten?
Ich freue mich sehr auf die unterschiedlichen Ebenen und Farben dieser Konzerte. Das Publikum darf sich auf Vielfalt, Kontraste und hoffentlich viele unerwartete Momente freuen. Auf die gemeinsame Energie im Saal bin ich schon jetzt gespannt. Herzlichen Dank für die Einladung!
Vielen Dank für das Interview!
1958 in London gegründet, begeistert die Academy of St Martin in the Fields seit Jahrzehnten mit Präzision, Leichtigkeit und einem unverwechselbaren Klangideal. Seit nunmehr 15 Jahren steht ihr mit Joshua Bell ein musikalischer Leiter zur Seite, der sich selbst in großen sinfonischen Werken als primus inter pares in das Orchestertutti einfügt. Mit vier Konzerten präsentiert das Ensemble in diesem Sommer seine beeindruckende künstlerische Bandbreite und beweist einmal mehr, warum es zu den international herausragendsten Klangkörpern zählt.
In einem Orchester sind Zusammenhalt, Kommunikation und ein gemeinsames musikalisches Verständnis entscheidend. Wie schaffen Sie es, einen einheitlichen Klang zu erzeugen und miteinander zu kommunizieren? Was macht für Sie einen herausragenden Klangkörper aus?
Als Sir Neville Marriner 1958 die Academy of St Martin in the Fields gründete, geschah dies teilweise als Reaktion auf seine Erfahrungen in den großen Sinfonieorchestern der damaligen Zeit und aus dem Wunsch heraus, den besten Musikerinnen und Musikern Londons größere musikalische Freiheiten zu ermöglichen. Von Anfang an war es ein zentrales Prinzip, dass jede Musikerin und jeder Musiker Verantwortung, Wahlfreiheit und Autonomie trägt. Und genau so machte die ASMF von Beginn an Musik.
Zu dieser Zeit wirkte Sir Neville als Stimmführer der zweiten Violinen im London Symphony Orchestra und trat noch nicht regelmäßig als Dirigent in Erscheinung. Das Ensemble war somit von Beginn an musikergeführt. Dadurch entstand eine Kultur von geteilter Verantwortung und kreativer Selbstbestimmung, die bis heute besteht. Selbst als sich Sir Neville als einer der weltweit führenden Dirigenten etabliert hatte und sich die ASMF von einem kammermusikalischen Streichensemble gelegentlich zu einem Orchester romantischer Dimensionen erweiterte, ging die kammermusikalische Mentalität nie verloren.
Seit fast fünfzehn Jahren leitet nun unser Musikdirektor Joshua Bell die Academy of St Martin in the Fields von der Geige aus. Er führt zwar das Orchester, aber er fordert auch volles Engagement von jedem einzelnen Mitglied. Damit die Bläser als eine Einheit atmen und phrasieren oder eine der zweiten Violinen mit den Kontrabässen kommunizieren kann, braucht es tiefes Vertrauen und stetiges Zuhören. Einer unserer Geiger beschrieb unsere Arbeitsweise einmal als „gemeinsam schaffen, statt die Vision einer Einzelperson zu verbreiten“. Dieses gemeinsame Ziel wird zusätzlich gestärkt durch die Zeit, die das Orchester im Laufe des Jahres auf Tourneen und beim Reisen miteinander verbringt.
Es gibt einige internationale Spitzenorchester. Wie gelingt es, sich in diesem Umfeld zu behaupten, sich abzuheben und eine eigene, unverwechselbare Identität zu entwickeln?
Die Academy of St Martin in the Fields hat nie regelmäßige staatliche Fördermittel vom Arts Council England erhalten. Dies erfordert zwar unternehmerisches Denken und Einfallsreichtum, ermöglicht uns aber zugleich, auf eine Weise zu arbeiten, die wirklich unseren Werten und künstlerischen Überzeugungen entspricht.
Dank eines außergewöhnlichen internationalen Netzwerks von Freundinnen, Freunden, Unterstützerinnen und Unterstützern können wir unsere Unabhängigkeit wahren und auf eine Art arbeiten, an die wir wirklich glauben. Die musikalische Freiheit der Musikerinnen und Musiker sorgt für Aufführungen, bei denen die künstlerische Verantwortung vom gesamten Ensemble getragen wird.
Dieser Ansatz hat langjährige Partnerschaften mit einigen der weltweit bekanntesten Solistinnen und Solisten hervorgebracht. Unsere fünfzehnjährige Zusammenarbeit mit Joshua Bell ist ein deutliches Beispiel dafür, wie wachsendes Vertrauen die Konzerte beeinflusst. Derselbe Geist prägt die Struktur des Orchesters insgesamt: einige Mitglieder sitzen im Vorstand; eine musikergeführte Creative Planning-Groupe gestaltet das Repertoire und Kooperationen; unsere Social Purpose-Groupe lenkt die Arbeit über den Konzertsaal hinaus und der Marriner Project-Fond unterstützt neue Ideen und Auftragswerke, die direkt von unseren Musikerinnen und Musikern entwickelt werden.
Seit 1958 ist die ASMF eines der meistaufgezeichneten Orchester der Geschichte, mit Aufnahmen und digitalen Projekten, die stetig ein weltweites Publikum begeistern. Heute pflegt das Orchester eine starke Präsenz im Vereinigten Königreich, tourt international mit einem Repertoire, das vom 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart reicht, und ist einer der bekanntesten Kulturbotschafter Großbritanniens. Über den Konzertsaal hinaus nutzen wir die Kraft der Musik, um Menschen zu stärken. Dazu zählen unter anderem Projekte für und mit Menschen, die von Obdachlosigkeit betroffen sind, oder Initiativen zur Förderung aufstrebender Talente weltweit.
Wie entstehen die Programme und Repertoireentscheidungen der Academy of St Martin in the Fields? Geht die Initiative hauptsächlich vom musikalischen Leiter aus oder haben auch die Musikerinnen und Musiker Einfluss?
Unsere Programme entstehen immer in enger Zusammenarbeit zwischen den Künstlerinnen und Künstlern, mit denen wir arbeiten, und dem Orchester direkt. Dabei geht es uns darum sowohl die individuelle künstlerische Stimme jeder Person zu feiern als auch die kollektive Identität des Ensembles. Wir wollen unsere eigenen Mitglieder in den Vordergrund stellen, aber genauso das Privileg nutzen, mit herausragenden Gastkünstlerinnen und -künstlern zusammenzuspielen.
Ein Beispiel dafür beim Rheingau Musik Festival ist das Konzert von Vivaldis Konzert für zwei Violoncelli. Dabei spielt unser Solo-Cellist gemeinsam mit der großartigen Anastasia Kobekina. Diese Art der Programmgestaltung spiegelt unser Engagement für Zusammenarbeit, Neugier und gemeinsames künstlerisches Eigentum wider.
Joshua Bell leitet das Orchester nicht als klassischer Chefdirigent, sondern als musikalischer Direktor. Worin unterscheidet sich die Zusammenarbeit mit einem Dirigenten von der Arbeit mit einem Solisten aus dem Ensemble heraus? Welche Vorteile und vielleicht auch Herausforderungen bringt dieses Modell mit sich?
Ich hoffe, es ist in Ordnung, wenn ich dieses Zitat aus einer Rezension zu unserem Auftritt im Jahr 2023 in Sydney teile – es bringt diesen Ansatz wirklich schön auf den Punkt:
„Makellos präsentiert, mit einer wunderbaren Kameradschaft unter den Mitgliedern, wird die Verantwortung, einem sitzenden Musikdirektor zu folgen, auf alle verteilt. Das schafft ein gegenseitiges Verständnis und die kollektive Entscheidung, gemeinsam zu agieren. Diese Einheit fühlt sich anders an als bei einem Orchester, das sich einfach zurücklehnen und einem stehenden Dirigenten folgen kann. ASMF ist ein leuchtendes Beispiel dafür, wie man führen und geführt werden kann – alles gleichzeitig.“ (Sydney Arts Guide)
Wie verläuft eine typische Orchesterprobe? Gibt es Rituale oder Strukturen, die besonders wichtig sind, um am Ende als Einheit zu erklingen?
Jede Probe ist anders. Denn sie wird stark geprägt vom Repertoire und den Künstlerinnen und Künstlern, mit denen wir arbeiten. Aber immer herrscht ein starkes Gefühl der Kameradschaft im gesamten Orchester. Das Wort „Academy“ in unserem Namen kommt übrigens aus der griechischen Philosophie und es beschreibt einen Ort, an dem unterschiedliche Gedanken, Perspektiven und Disziplinen zusammenkommen. Ganz praktisch bedeutet das für uns, dass die Mitglieder aus den unterschiedlichsten musikalischen Bereichen kommen. Einige sind gleichzeitig auch Solistinnen, Solisten, Kammermusikerinnen und -musiker, Lehrende oder sie leiten Workshops zusätzlich zu ihrer Arbeit bei der ASMF. Jede und jeder bringt diese Erfahrungen in die Proben und Aufführungen mit ein. Ironischerweise ist es genau diese Vielfalt, die letztlich zum einheitlichen „Academy-Sound“ beiträgt, für den das Orchester bekannt ist.
Welche Rolle spielt ein Orchester in der heutigen Musikwelt? Welche Chancen und Herausforderungen ergeben sich durch die Digitalisierung, neue Konzertformate oder veränderte Erwartungen an klassische Ensembles?
Es gibt sehr viele Möglichkeiten für Orchester heutzutage. Gerade in herausfordernden Zeiten wirkt es wichtiger denn je, Musik live zu erleben – in einem schönen Rahmen, für einen Moment des Fühlens und der Ruhe. Gleichzeitig ermöglichen neue Formate, dass die Musikerinnen und Musiker auf andere Weise mit Gemeinschaften in Kontakt treten können, die sich im Konzertsaal vielleicht nicht wohlgefühlt hätten. Ein Beispiel dafür sind unsere Marriner Projects. Das ist eine Initiative, die die Mitglieder der ASMF direkt finanziell unterstützt, um kreative Ideen in ihren eigenen Gemeinden umzusetzen. Das reicht von Kammermusik in Pubs über Auftritte in Hospizen bis hin zu Konzerten in Kirchen oder Besuchen in Pflegeheimen. Während der Covid-Pandemie, als Musikerinnen und Musiker vor ihren Haustüren spielten, spürten lokale Gemeinschaften ein starkes Gefühl von Verbindung und Stolz, eine Künstlerin oder einen Künstler direkt in ihrer Nachbarschaft zu haben. Die Marriner Projects sollen genau diesen Geist einfangen und nachhaltig fördern und gleichzeitig den Orchestermitgliedern ermöglichen, Projekte und Ideen zu realisieren, die sie schon immer umsetzen wollten.
Auch unser Social Purpose-Programm wächst immer weiter. Es richtet seinen Fokus darauf, Menschen in prekären Lebenssituationen zu stärken und die nächste Generation talentierter junger Talente zu fördern. Aufgrund der globalen Nachfrage haben wir unsere Investitionen in diesem Bereich kürzlich verdreifacht. Das Programm findet jetzt nicht mehr nur in London statt, sondern begleitet uns auch auf unseren internationalen Tourneen. Wir möchten einen echten Unterschied machen und Einfluss auf die Orte nehmen, die wir besuchen. Außerdem ist es uns ein Anliegen, Barrieren zwischen dem Ensemble und dem Publikum abzubauen. Mitglieder des Orchesters sprechen während der Konzerte direkt mit dem Publikum, Proben sind öffentlich zugänglich und auf Tour teilen die Mitglieder ihre Erfahrungen und Perspektiven in den Sozialen Netzwerken.
Die Aufnahmen der ASMF bleiben ein zentraler Teil unserer Identität. Immer wieder berührt es uns, wie Menschen weltweit klassische Musik durch unsere Einspielungen entdecken. Gerade in einer Zeit, in der Inhalte zunehmend von KI erzeugt werden, fühlt sich das Live-Musizieren wie ein kraftvolles Zeichen des Menschlichen an. Dieses gemeinsame, menschliche Erlebnis ist der Kern dessen, warum Orchestermusik weiterhin wichtig ist, und es immer bleiben wird.
Um bei diesem Thema zu bleiben: Wie offen ist die Academy of St Martin in the Fields für Experimente, spontane Interpretationen oder neue musikalische Konzepte? Welche Bedeutung hat Innovation für die Weiterentwicklung des Ensembles?
Die Academy of St Martin in the Fields wollte noch nie stillstehen und unsere Musikerinnen und Musiker entwickeln sich gerade dann gemeinsam weiter, wenn sie gefordert werden. Selbst bei Werken, die wir sehr gut kennen, suchen wir immer nach besonderen, frischen Wegen, sie unserem Publikum nahezubringen. Gleichzeitig setzen wir uns dafür ein, das Repertoire durch neue Auftragswerke zu erweitern, unter anderem von Komponistinnen und Komponisten wie Vince Mendoza, Errollyn Wallen, Huw Watkins und Eleanor Alberga. Wir freuen uns aber genauso über neue künstlerische Partnerschaften und kreative Kooperationen, etwa indem wir unser Ensemble mit anderen verbinden, wie zum Beispiel mit Tenebrae hier beim Rheingau Musik Festival.
Es beflügelt uns, Altes und Neues in einen Dialog zu bringen. Beim diesjährigen Rheingau Musik Festival etwa erkunden wir Mozarts Œuvre gemeinsam mit Hayato Sumino, einem Künstler, der sich gleichermaßen in Jazz-Improvisation wie im Komponieren zu Hause fühlt. Diese Offenheit für Neugier und Experimentierfreude ist entscheidend dafür, dass ein Konzert mit der Academy of St Martin in the Fields niemals verstaubt oder vorhersehbar wirkt.
Beim diesjährigen Rheingau Musik Festival tritt die Academy of St Martin in the Fields in verschiedenen Konzertformaten sowie mit unterschiedlichen Solistinnen und Solisten auf. Mit einigen hat das Orchester bereits zusammengearbeitet, andere Konzerte sind aber auch Premieren. Worin unterscheidet sich die Zusammenarbeit mit neuen und bereits bekannten Solistinnen und Solisten?
Unsere Konzerte beim Rheingau Musik Festival umfassen Kooperationen, die von ganz neuen Begegnungen bis hin zu lang etablierten Partnerschaften reichen. Wir freuen uns zum Beispiel sehr, zum allerersten Mal mit Hayato Sumino zusammenzuarbeiten und gleichzeitig auch die langjährige Zusammenarbeit mit unserem Musikdirektor Joshua Bell zu präsentieren.
Obwohl Joshua nun seit fast fünfzehn Jahren Musikdirektor ist, reicht seine Beziehung zum Orchester noch viel weiter zurück. Sein erstes Konzertalbum mit Bruch und Mendelssohn nahm er 1988 mit der ASMF und Sir Neville Marriner auf. Damals war er war gerade einmal 21 Jahre alt. Niemand hätte gedacht, dass Joshua 23 Jahre später der zweite Musikdirektor in der Geschichte des Orchesters werden würde.
Für uns sind die erfüllendsten Residenzen immer die, die eine Mischung aus langjährigen künstlerischen Partnerschaften und der Spannung neuer Zusammenarbeiten bereit halten. Oder dem Wiedersehen mit Künstlerinnen und Künstlern, mit denen wir bisher nur kurz gearbeitet haben, wie zum Beispiel Anastasia Kobekina. Jede langjährige Zusammenarbeit beginnt ja schließlich mit einem ersten Treffen!
Die Academy of St Martin in the Fields ist erst das zweite Orchester in der Geschichte des Rheingau Musik Festivals, das den Titel Orchestra in Residence trägt. Was bedeutet diese Auszeichnung für den Klangkörper? Und worauf dürfen sich die Besucherinnen und Besucher bei den Konzerten im Rheingau besonders freuen?
Orchestra in Residence beim Rheingau Musik Festival zu sein, ist eine große Ehre. Es ist ein Privileg, auf einem so besonderen Festival eine Vielfalt künstlerischer Stimmen, Formate und Kooperationen präsentieren zu dürfen und viermal für ein so wunderbares Publikum zu spielen.
Diese Residenz ist ein echtes Highlight unserer Saison 2025/26 und wir freuen uns sehr darauf, der Rheingau-Community die ganze Bandbreite dessen zu zeigen, wofür die Academy of St Martin in the Fields steht.
Vielen Dank für das Interview!
Die Trompete ist ihre Stimme: Zwischen Kammermusik und großen Orchesterwerken bewegt sich Lucienne Renaudin Vary mit derselben Selbstverständlichkeit, mit der sie Jazzstandards und Improvisationen präsentiert. In ihrer Musik verschmilzt Technik mit Ausdruck und Struktur mit Freiheit. Gleichermaßen berührend wie beeindruckend sind die Konzerte der jungen Trompeterin, wenn sie mit ihrem Instrument farbenreichen Programme zwischen Klassik und Jazz in diesem Sommer auf die Bühne zaubert.
Sie sind der Trompete erstmals in einem Workshop begegnet, als Sie acht Jahre alt waren. Was war das für ein Gefühl? Wie wussten Sie, dass Sie mit der Trompete Ihr musikalisches Ausdrucksmittel gefunden haben?
Diesen Moment werde ich mein ganzes Leben lang in Erinnerung behalten. Ich habe meine große Leidenschaft sofort entdeckt. Es war wirklich der Wendepunkt meines Lebens. Ich habe mich in den Klang verliebt und in alles, was dazugehört: die Art, wie man das Instrument hält, die körperliche Nähe dazu, die Tatsache, dass jede Trompeterin und jeder Trompeter einen ganz eigenen Klang besitzt, die verschiedenen Dämpfer, die Vielfalt der Stilrichtungen. Ich war vollkommen mitgerissen. Als ich zu üben begann, wusste ich, dass dies mein Beruf und mein Leben werden würde. Du hast vollkommen recht, wenn du sagst, dass die Trompete mein gewähltes Ausdrucksmittel ist – denn ich denke, letztlich ist es egal, welches Instrument man spielt: Es ist immer die eigene Seele, die spricht.
In Ihren Konzerten präsentieren Sie viele verschiedene Genres – von klassischen Werken über Jazz bis hin zu zeitgenössischen Stücken, die Sie teilweise auch miteinander verbinden. Haben Sie dennoch ein präferiertes Genre, eines, dem sie sich am meisten verbunden fühlen oder das Sie am meisten interessiert?
Es war für mich schon immer ein inneres Bedürfnis, viele unterschiedliche Stilrichtungen zu spielen. Das habe ich von Anfang an gespürt. Ich konnte mich nie entscheiden, deshalb spiele ich einfach alles! Selbst bei der Aufführung eines klassischen Konzerts an der Seite eines Orchesters spiele ich gerne eine improvisierte Jazz-Zugabe oder ein Stück aus einem anderen Genre. Das gibt mir Freiheit und schenkt dem Publikum gleichzeitig etwas Erfrischendes: einen anderen Klang, eine neue Perspektive. Besonders mag ich es, wenn das Publikum die Brücke zwischen den Genres selbst schlägt – geprägt durch die eigene kulturelle Erfahrung und persönliche Geschichte.
Die Trompete gilt als eines der anspruchsvollsten Blasinstrumente. Sie verlangt nicht nur eine ausgefeilte Technik und einen beständigen Ansatz, sondern auch ein sensibles Gespür für Klang, Atemführung und musikalische Nuancen. Wie gestalten Sie Ihren Übungsalltag und welche Rolle spielt regelmäßiges Training für Sie? Bereiten Sie sich mit bestimmten Übungen oder Ritualen auf Konzerte vor?
Da hast du absolut recht – Trompete zu spielen ist nicht jeden Tag einfach. Deshalb gehört es für mich zum Beruf, genau das zu akzeptieren und widerstandsfähig zu bleiben. An manchen Tagen ist man in Bestform, an anderen eben nicht. Die Trompete ist wie ein Sport. Es ist extrem wichtig, jeden Tag zu spielen. Genauso wichtig ist es jedoch, nichts zu erzwingen, besonders beim Einspielen. Ich gestalte das oft wie eine Meditation, bei der ich versuche, jede einzelne Empfindung bewusst wahrzunehmen …
Gibt es Momente, in denen Sie bewusst die Technik hinter sich lassen und einfach „aus dem Bauch heraus“ spielen? Und wie fühlen sich diese Momente an?
Wenn ich ganz ehrlich bin vergesse ich die Technik, sobald ich ein Konzert spiele. Ich glaube, weder das Publikum noch die Musikerinnen und Musiker auf der Bühne wollen Technik hören. Denn wir wollen in erster Linie fühlen – und das geht über Technik hinaus. Natürlich muss man sich mit der Technik beschäftigen, aber meiner Meinung nach gehört das ausschließlich ins Übungszimmer. Ich erlebe Musik sehr instinktiv, natürlich, völlig ohne eine intellektuelle Konstruktion. Ich kann das kaum erklären, es ist einfach in mir. Meine Leidenschaft dafür ist so stark, dass ich sie leben muss.
Stellen Sie sich vor, Sie könnten für eine einzige Stunde mit einem Musiker oder einer Musikerin aus der Vergangenheit zusammenspielen. Wer wäre es, und was würden Sie von ihm lernen wollen?
Es gibt so viele, aber ich möchte einen Komponisten nennen, der selbst nie aufgenommen wurde – gerade deshalb lernen wir so viel von ihm. Es ist Johann Sebastian Bach. Die Musik, die er hinterlassen hat, enthält keine dynamischen Angaben, und ich würde unglaublich gerne hören, wie er seine Werke selbst gespielt hat. Eigentlich geht es mir also weniger darum, mit ihm zu musizieren, als ihm einfach zuzuhören. Vom Zuhören lerne ich viel mehr als vom Spielen.
Sie haben schon zahlreiche Alben mit unterschiedlichen Genres und Schwerpunkten aufgenommen. Wie entsteht ein neues Projekt oder Album bei Ihnen? Was kommt zuerst: die Idee, das Repertoire oder ein bestimmtes Thema?
Der Entstehungsprozess ist immer unterschiedlich. Besonders dann, wenn man Musik aufnimmt, die man bereits oft live gespielt hat, oder neue Werke beziehungsweise speziell für ein Album geschaffene Arrangements.
Manchmal geht alles von der Idee einer Komponistin oder eines Komponisten aus, etwa wie bei dem Album „Piazzolla Stories“, für das ich die Recherche sehr geliebt habe. Manchmal geht es wiederum von einem bestimmten Genre aus, wie es bei „Trumpet Concertos“ der Fall war. Und manchmal von einer bestimmten Stimmung, aus der heraus man Stücke sammelt, wie bei meinem Album „Winter Garden“. Ich habe jeden einzelnen Schritt der Albumproduktion geliebt.
Sie treten weltweit auf und haben bereits viele außergewöhnliche musikalische Erfahrungen gesammelt. Gab es ein Konzert oder einen besonderen Moment auf der Bühne, der für Sie eine ganz besondere Bedeutung hatte, vielleicht, weil er Sie künstlerisch geprägt, berührt oder in Ihrer Entwicklung bestärkt hat?
In dem Zusammenhang fallen mir einige besondere Momente ein. Sehr präsent sind die Erinnerungen an Vladimir Spivakov. Er war einer der Ersten, der mir sein Vertrauen schenkte und mich ein Konzert spielen ließen. Ein besonders schöner Moment war ein kleines privates Konzert, das er meiner Mutter und mir schenkte – ich war zutiefst bewegt.
Ebenso unvergesslich sind meine Erlebnisse mit Vladimir Ashkenazy bei der Aufführung des Konzerts für Klavier, Trompete und Streicher Nr. 1 von Dmitri Schostakowitsch, bei der ich auf der Bühne einen Moment reiner Leichtigkeit erlebte. Das ist ein extrem seltenes, einzigartiges Gefühl. Auch mit Félicien Brut, mit dem ich über hundert Konzerte gespielt habe, verbinde ich wunderbare Erinnerungen. Solche besonderen Augenblicke lassen sich nicht planen, sie passieren einfach, wenn alles zusammenkommt, wenn die Sterne günstig stehen und dieser eine, einzigartige Moment entsteht.
Die klassische Musikszene befindet sich in einem Wandel. Neue Formate, jüngeres Publikum, Social Media, veränderte Erwartungen an Künstlerinnen und Künstler. Wie nehmen Sie diese Entwicklung wahr, sowohl aus persönlicher Erfahrung als auch aus der Perspektive einer Künstlerin, die selbst früh internationale Aufmerksamkeit erhielt? Welche Verantwortung, aber auch welche Möglichkeiten ergeben sich daraus?
Das ist eine sehr gute Frage und schwer in wenigen Worten zu beantworten. Was ich aber sagen kann ist, dass jede Erfahrung anders ist. Dieser Beruf ist so außergewöhnlich, und wir sind alle unterschiedlich, dass jede und jeder ihn ganz individuell wahrnimmt. Ehrlich gesagt ist das auch ein wenig beängstigend: Heute erwarten wir unglaublich viel von Künstlerinnen und Künstlern – ganz anders als früher, als es genügte, einfach ein Konzert zu spielen. Ich würde nicht sagen, dass das Publikum generell jünger geworden ist – das hängt stark von Sälen, Ländern und Kontexten ab. Ziel ist jedoch immer, Menschen aller Altersgruppen zu erreichen, was eine tägliche Herausforderung darstellt. Was mir ebenfalls Sorge bereitet, ist eine Gesellschaft, die das Bild oft höher bewertet als den Inhalt – etwa die Musik selbst. Ich bin sehr gespannt, wie die Welt der klassischen Musik in zehn Jahren oder vielleicht schon früher aussehen wird.
In diesem Sommer sind Sie im Rheingau sowohl mit großen Orchestern als auch in unterschiedlichen Duo-Besetzungen zu erleben. Erfordert jede Formation eine andere Herangehensweise an Interpretation und musikalischer Kommunikation?
Das ist einer der Gründe, warum ich diese Residenz so liebe: Sie ist eine echte Herausforderung. Mit dem breiten Repertoire kann ich zeigen, was mit der Trompete alles möglich ist. Und das ist unglaublich spannend. Das Publikum wird nahezu all meine Formationen erleben können. Und ich freue mich sehr darauf, nach den Konzerten mit den Menschen ins Gespräch zu kommen.
Vielen herzlichen Dank für das Interview!