Jeder Ton setzt etwas in Bewegung. Aus einem einzelnen Impuls entsteht ein Echo, aus einem Moment eine gemeinsame Erfahrung. Was vor 40 Jahren begann, hat sich über Jahrzehnte hinweg entfaltet, Menschen verbunden und weit über den Rheingau hinaus Wirkung entfaltet.

Heute dürfen wir verraten, wohin die Reise führt: Im Jahr 2027 feiert das Rheingau Musik Festival sein 40. Jubiläum.

Dieses besondere Jubiläum möchten wir gemeinsam mit Ihnen feiern. Denn die Geschichte des Festivals wurde nicht allein von den Künstlerinnen und Künstlern auf der Bühne geschrieben, sondern ebenso von seinem Publikum, seinen Partnern und allen, die das Festival Jahr für Jahr begleiten. Gemeinsam haben wir einen Klang geschaffen, der immer weitere Kreise zieht.

Freuen Sie sich in den kommenden Monaten auf besondere Einblicke, Geschichten, Begegnungen und Jubiläumsaktionen, die die Vielfalt und Strahlkraft von 40 Jahren Rheingau Musik Festival erlebbar machen.

SAVE THE DATE: Das 40. Rheingau Musik Festival findet vom 19. Juni bis 4. September 2027 statt.

Der südafrikanische Cellist Abel Selaocoe begeistert und berührt die Menschen weltweit: Sein Spiel, sein Ton – immer schwingt etwas mit und nicht selten ist es seine eigene Stimme, mit der er sich begleitet. Sie macht seine Musik vollkommen und zu einem Ort, an dem man gerne verweilen möchte. Die Musik ist auch das Zuhause des Künstlers. Das teilt er gerne mit anderen Menschen, denen er mit sympathischer Offenheit begegnet. Am 11. Juli gastiert er zusammen mit dem Bantu Ensemble auf der Seebühne von Schloss, wo Selaocoes Kompositionen auf klassische Musik und die Klangfarben seiner südafrikanischen Heimat treffen.

Zum Cellospiel kam ich durch meinen Bruder. Er war begeisterter Musiker und begann mit dem Fagott“, erinnert sich Selaocoe: „Wir lebten in einem Township in Südafrika namens Sibu Cape und hier gab es nicht viel – aber es gab Hilfsprogramme in anderen Townships, so dass er den ganzen Weg nach Soweto fuhr, um sich in einer Musikschule einzuschreiben. Er war derjenige, der das Cello für mich auswählte. Und er war davon überzeugt, dass es ein vielseitiges Instrument ist, da es sowohl begleiten als auch wunderschön singen kann. Ich glaube, er verglich es mit meinem Charakter.“

Selaocoe schätzt am Cello, dass es immer vibriert: „Es gibt Instrumente, die viele verschiedene Farben haben. Aber das Cello liebt es mitzuschwingen, egal ob es in tiefer oder hoher Lage gespielt wird.“ Als der Künstler 2023 im Rheingau Musik Festival auf Schloss Johannisberg spielte, schaute man ihm gebannt zu, denn was er mit seinem Instrument macht, ist schier unglaublich: welche Töne er dem Resonanzraum entlockt, wie zärtlich oder auch mal rabiat er über die Saiten streicht, sie kraftvoll zupft, das Holz mit großer Geste zusätzlich zum Schwingen bringt, es perkussiv beklopft oder liebevoll reibt.

© Phil Sharp

Der Celloton inspiriere ihn auch zum Singen, bekennt Selaocoe. Und das nicht zufällig, denn: „Singen ist alles in meiner Musik. Es entstammt meiner Kultur, die viele Jahrhunderte zurückreicht und das universelle menschliche Bedürfnis zu singen zelebriert.“ Seine Vorfahren hätten gesungen und er habe versucht, sich von dieser Tradition und Zeit inspirieren zu lassen. Im Konzert auf Schloss Johannisberg sah das dann so aus: Wie einst Cab Calloway in seiner legendären Interpretation von „Minnie the Moocher“ forderte der Cellist zum Nachsingen einer Melodie auf, über die er dann mit Pianist Fred Thomas in südafrikanischen Klängen improvisierte. Zögerlich folgte das Auditorium und bekam plötzlich Lust, selbst harmonisch zu experimentieren. Und Selaocoe? Strahlte, genoss.

Bei so viel Hang zum Improvisieren stellt sich die Frage: Existieren von Selaocoes Stücken eigentlich Noten? „Ja, ich habe Noten für meine Stücke, lasse mich aber trotzdem gerne davon inspirieren, dass ein Großteil der afrikanischen Musik aus der mündlichen Tradition stammt“, erzählt er. Er schreibe also gerade so viel auf, dass der Künstler in der Lage sei, die Noten zu lernen: „Aber der Geist der Musik entsteht vor allem bei den Proben, wenn wir zusammenkommen. Und auch das Improvisieren wächst bei den Proben. Auftritte zu planen ist für den Cellisten sehr wichtig. Aber er lässt auch immer Raum für Inspirationen und Ideen, die im Konzert dann spontan umgesetzt werden. Das gilt auch für das Musizieren mit Orchestern: „Während wir proben und mit einigen Noten in den Prozess einsteigen, gibt es immer auch einen offenen Raum für die Improvisation.“

© Phil Sharp

Medien haben Abel Selaocoe als Grenzgänger bezeichnet. Sieht er sich selbst auch so? „Ich sehe mich als einen Zeitgenossen meiner Umwelt. Ich nehme das, was mich umgibt, was meine Gemeinschaft umgibt, und interpretiere es. Ich bin ein Spiegel für meine Gemeinschaft. Aber ich liebe es auch, auf altes Wissen zurückzublicken, auf alte Zeiten, wie unsere Eltern und Großeltern Geschichten erzählten, was sie aßen, wie sie tanzten und wie sie Konflikte lösten. All das fließt in meine Musik ein.“ 2023 war der Cellist zum ersten Mal zu Gast beim Rheingau Musik Festival, wo es ihm sehrt gut gefiel: „Hier treffen sich Kulturen und Menschen, was wunderschön ist. Und es gibt eine gemeinsame Suche nach der Musik. Überall dort, wo es diese Suche nach Musik und eine Erforschung von Menschen und Vielfalt gibt, möchte ich sein. Ich möchte andere Kulturen kennenlernen und Zeit mit anderen Menschen verbringen. Das ist mein Weg.“

Und der führt ihn als Musiker natürlich an die verschiedensten Orte. Bei so vielen Reisen kommt einem der Titel von Selaocoes erster CD in den Sinn: Sie heißt „Hae Ke Kae? Where is Home“, also: Wo ist Zuhause? „Ich fühle mich an verschiedenen Orten zuhause“, sagt der Musiker. Das sei für ihn jedoch kein geografischer Ort, sondern eher „ein Gefühl der Daseinsberechtigung, mit Liebe vertraut zu sein und akzeptiert zu werden, ohne sich verstellen zu müssen“. Dieser Orte ist für Selaocoe oft seine Familie. Und manchmal, wenn er mit den richtigen Musikern spiele: „Ich habe im Laufe der Zeit einige erstaunliche Freunde gefunden, die sich wie eine Familie anfühlen. Wir urteilen nicht übereinander, wir forschen einfach miteinander und das ist dann ein sehr inspirierender Ort. Also fühle ich mich an beiden Polen zu Hause: bei meiner leiblichen und musikalischen Familie.“

Jan-Geert Wolff

„Arte bringt Rheingau Musik Festival in den TV-Olymp“, titelte die VRM-Tagespresse nach der erstmaligen öffentlichen Vorstellung von europiano im Rahmen der RMF-Pressekonferenz im Februar. Nun ist die Übertragung von ausgewählten Konzerten des Rheingau Musik Festivals auf ARTE nichts Neues, sondern geübte Praxis im Rahmen einer langjährigen fruchtbaren Partnerschaft. Dass aber das Eröffnungskonzert des Rheingau Musik Festivals als eines von elf Konzerten im Rahmen des ARTE-Mammutprojektes „europiano – die schönsten Klavierkonzerte aus Europa“ auserkoren wurde, darf schon als besondere Auszeichnung verstanden werden. Acht Stunden Sendezeit hat ARTE am 21. Juni von 15.30 bis 23.30 Uhr für „die schönsten Klavierkonzerte aus Europa“ freigeräumt.

Besondere Städte, symbolträchtige Stätten

Das Rheingau Musik Festival und mit ihm das Kurhaus Wiesbaden reihen sich ein in eine exquisite Liste besonderer Städte und symbolträchtiger Stätten – von Wien, Paris und Poznań über Stockholm, Straßburg und Valéncia bis nach Athen, Hamburg und Lissabon und, dies wurde nach langer Geheimhaltung erst Anfang Juni bekanntgegeben, Kyiv. „Es ist uns besonders wichtig, auch die Ukraine mit in diesen Reigen der Aufführungsorte einzureihen. Das war nicht trivial, aber wir sind froh und glücklich, dass es geklappt hat mit unserem ukrainischen Partnersender Suspilne“, sagt Wolfgang Bergmann, Co-Geschäftsführer von ARTE Deutschland.

Wolfgang Bergmann, Co-Geschäftsführer von ARTE Deutschland und Initiator des Klaviermarathons (Foto © ZDF)

Gemeinsamer Kraftakt in seltener Dimension

Der Initiator des Klaviermarathons – ein Musik-, TV- und Streamingereignis, wie es ARTE in dieser Dimension als gemeinsamen Kraftakt mit vielen starken Partnern, nur selten stemmen kann – plant für den europiano-Sonntag einen Pendelverkehr: „Nachmittags werde ich im ZDF-Studio 1 in Mainz sein, von wo aus die Livemoderation mit dem spannenden Duo Annette Gerlach und Louis Philippson gesendet wird. Von dort aus werde ich mich rechtzeitig auf den Weg machen, um live beim Rheingau Musik Festival-Eröffnungskonzert in Wiesbaden dabei zu sein, das dann etwas zeitversetzt um 22.10 Uhr auf ARTE und arte.tv ausgestrahlt werden wird.“

Im Kurhaus und bei ARTE live dabei

So können Konzertgäste nochmal „nachschauen“, was sie kurz zuvor live erlebt haben. Und alle, die kein Ticket für das längst restlos ausverkaufte Klavierkonzert ergattert haben, dürfen bei ARTE fast live genießen, wenn Hayato Sumino mit dem hr-Sinfonieorchesters Frankfurt Rachmaninows Klavierkonzert Nr. 2 in c-Moll auf der Bühne des Kurhauses interpretiert.

europiano vereint die großen Klavierwerke der Musikgeschichte an einem einzigen Tag, gespielt an symbolträchtigen Orten in ganz Europa. Yulianna Avdeeva, die europiano am Nachmittag mit Brahms‘ Klavierkonzert Nr. 1 aus dem Wiener Konzerthaus eröffnet, betont das Gemeinschaftliche des Tages: „Wir Pianistinnen und Pianisten sind selten an einem Ort, so dass wir uns begegnen könnten. Dass an diesem Tag unserem Instrument der gesamte Tag gewidmet wird, das wird uns zumindest virtuell zusammenbringen.“

Spektakuläre Sommerabend-Kulissen

Im Laufe des Nachmittags und Abends spielen unter anderem Martha Argerich, Bruce Liu und Eric Lu, begleitet von führenden europäischen Orchestern. Spektakuläre Sommerabend-Kulissen darf das Publikum an den Bildschirmen bei den Open-Air-Übertragungen aus dem Renaissance-Innenhof der alten Universität Valéncia, dem Torre de Belem oder dem Pnyx-Hügel in Athen mit Blick auf die Akropolis erwarten.

 

Maksym Shadko, die Nationale Philharmonie der Ukraine und die Kyiv Camerata spielen Slawische Klavierkonzert von Borys Lyatoshynsky (Foto © Valeria Mezentseva/Suspilne)

Lange geheim gehalten: Konzert aus Kyiv

Die europiano-Konzertreise endet, direkt im Anschluss an die Übertragung aus dem Kurhaus Wiesbaden, in Kyiv. Keri-Lynn Wilson, die nach einem Luftalarm, der die Generalprobe verhinderte, mit dem Nationalen Philharmonie der Ukraine und Kyiv Camerata das von dem jungen ukrainischen Pianisten Maksym Shadko interpretierte Slawische Klavierkonzert von Borys Lyatoshynsky dirigierte, erklärt: „Wir haben eines der größten Werke der ukrainischen Musik überhaupt gespielt. Für die Einladung zu europiano, durch die wir nicht nur für die Ukrainerinnen und Ukrainer spielen konnten, sondern für ganz Europa, sind wir sehr glücklich.“

Möge Europa einfach mal tief durchatmen

ARTE-Geschäftsführer Wolfgang Bergmann hält es für „besonders gut und passend, die vielfältige Linie europäischer Musikgeschichte in die Gegenwart zu ziehen und genau dort ausklingen zu lassen, wo Europa und sein Wertesystem vor seine aktuell schwierigste Prüfung gestellt wird.“ Und insgesamt erhofft er sich für den europiano-Sonntag: „Europa atmet hoffentlich tief durch an diesem Tag und tanzt vom Nachmittag an durch die kürzeste Nacht des Jahres. Wenn sich Europa auf irgendeinem Gebiet feiern darf und feiern kann, dann auf dem Gebiet der Klassischen Musik.“

 

„europiano – Die schönsten Klavierkonzerte aus Europa“ am Sonntag, 21. Juni, von 15.30 bis 23.30 Uhr auf ARTE und im Livestream sowie anschließend abrufbar auf www.arte.tv

Das komplette Programm im digitalen Dossier hier: europiano – eine musikalische Reise durch den Kontinent

Im Jahr 2026 feiert Hessen sein 80-jähriges Jubiläum. Seit seiner Gründung hat sich Hessen zu einem modernen, lebenswerten und vielfältigen Land entwickelt: wirtschaftlich erfolgreich, kulturell reich und geprägt von einem starken Zusammenhalt. Von der Rhön bis zum Rhein, vom Taunus bis nach Nordhessen – unser Bundesland verbindet Tradition und Moderne wie kaum ein anderes. Hessen steht für Wirtschaftskraft, Weltoffenheit und Wurzeln. Zwischen Fachwerk, Finanzplatz und Flughafen, zwischen Apfelwein, Ahle Worscht und Algorithmus sowie zwischen Handwerk und Hightech verbinden die Hessinnen und Hessen vermeintliche Gegensätze zu einer starken Gemeinschaft.

Das gleiche gilt auch für das Rheingau Musik Festival. Seit über drei Jahrzehnten ist das Rheingau Musik Festival ein Event der Weltklasse, an dem sich die Faszination für klassische Musik mit dem Puls der Gegenwart verbindet. Zwischen Weinbergen, Burgen und dem Rhein schafft das Festival jedes Jahr aufs Neue eine einzigartige Symbiose aus bewährter Tradition und mutiger Innovation.

Das Rheingau Musik Festival ist zu einem Teil hessischer Identität, einem kulturellen Highlight weit über Hessen hinaus und einem echten Markenzeichen unseres Landes geworden. Damit hat es eine herausragende Bedeutung für unser Jubiläumsjahr 2026 und für 80 Jahre Hessen.

Deshalb feiern Hessen und das Rheingau Musik Festival das 80-jährige Jubiläum unseres Landes auch gemeinsam, u.a. mit der Hessenbühne im Kurpark Wiesbaden sowie mit dem geplanten Side-by-Side Konzert, das junge Musikerinnen und Musiker fördert. So zeigen wir vereint und stolz, was uns ausmacht: Wir sind modern und traditionsbewusst, leistungsstark und lebensfroh, gelegen in der Mitte Deutschlands und in der Welt zu Hause. 80 Jahre Hessen und das RMF verdeutlichen gemeinsam, dass unser Land seine Herkunft im Herzen trägt und der Zukunft mutig entgegengeht.

Ich wünsche Ihnen in diesem Geiste einen Konzertsommer der Extraklasse und uns allen gemeinsam ein gelungenes Jubiläumsjahr unseres Landes.

Mit herzlichen Grüßen

Boris Rhein

Hessischer Ministerpräsident
Schirmherr des Rheingau Musik Festivals

Header © Sebastian Reiter

Ob auf internationalen Bühnen oder auf Social Media: Der japanische Pianist Hayato Sumino erobert die Musikwelt im Sturm. Sein Markenzeichen: musikalische Traditionen mit visionären Interpretationen und Eigenkompositionen in die Zukunft führen. Virtuos, außergewöhnlich und ganz persönlich verleiht Hayato Sumino Vertrautem neue Leuchtkraft, wenn in seinen Konzerten klassische Werke auf Improvisation, jazzige Harmonien und eigene Kompositionen treffen.

Ihr musikalisches Spektrum reicht von klassischer Musik über Jazz bis hin zu zeitgenössischen Werken. Zudem komponieren Sie auch selbst. Woher schöpfen Sie Ihre Inspiration und was möchten Sie mit Ihren eigenen Kompositionen ausdrücken, was sich durch Interpretationen allein vielleicht nicht sagen lässt?

Meine Inspirationsquellen sind sehr vielfältig: Musik, Malerei, Film, der Alltag oder Landschaften die Natur mit ihren Landschaften. Gerade die Mischung all dieser scheinbar unzusammenhängenden Einflüsse prägt meine musikalische Persönlichkeit. In meinen eigenen Kompositionen kommt diese Persönlichkeit am unmittelbarsten zum Ausdruck. Dort kann ich am meisten ich selbst sein.

 

Das Spannungsfeld zwischen Tradition und Erneuerung prägt Ihr künstlerisches Arbeiten. Wie gelingt es Ihnen, das musikalische Erbe zu bewahren und zugleich weiterzuentwickeln? Gibt es einen Leitgedanken oder vielleicht sogar ein persönliches „Geheimnis“, das Sie dabei begleitet?

Mein Leitprinzip lautet: Den Kern respektieren, an der Oberfläche frei sein.
Der Kern besteht aus Struktur, Intention und Ästhetik. Es ist wie eine unsichtbare Architektur. Wenn ich diese wirklich tief verstehe, kann ich mir die Freiheit in Klangfarbe, Timing und Anschlag erlauben, auch in genreübergreifenden Projekten, ohne der Musik untreu zu werden. Anders gesagt: Je ernster ich die Wurzeln nehme, desto natürlicher können neue Äste wachsen.

 

Improvisation und Spontaneität spielen in Ihrer Musik eine besondere Rolle. Wie wichtig sind diese Elemente für Ihr kreatives Schaffen sowohl auf der Bühne als auch im Kompositionsprozess?

Improvisation ist für mich so etwas wie meine instinktive Sprache und der Ursprung fast all meiner kreativen Arbeit. Ohne sie hätte ich das Gefühl, meine eigene Stimme würde mir versiegelt, als dürfte ich nicht mehr in meinen natürlichen Worten sprechen. Im Konzert ist sie ebenso wichtig, weil sie das Musizieren wirklich lebendig hält. Improvisation erlaubt mir, auf den Raum, das Instrument, das Publikum und meine jeweilige Stimmung reagieren zu können. Da immer ein Moment des Unvorhersehbaren bleibt, fühlt sich jedes Konzert neu an. Und genau das hilft mir, jedes Mal alles zu geben.

 

Welche Verantwortung empfinden Sie als Künstler in Zeiten von TikTok, YouTube & Co.? Gibt es Grenzen dessen, wie weit Sie sich oder Ihre Musik online inszenieren möchten?

Ich empfinde vor allem die Verantwortung, ehrlich zu bleiben. Wenn mir etwas als Musiker keinen echten Spaß macht, möchte ich es nicht tun, nur weil es online gut funktionieren könnte. Gleichzeitig nutze ich diese Plattformen gern als Eingangstor. Wenn ein Video die musikalische Neugier eines Menschen weckt und ihn dazu bringt, tiefer zuzuhören oder sogar ein Konzert zu besuchen, ist das für mich das beste Ergebnis.
Ja, es gibt also Grenzen. Ich habe kein Interesse daran, mich auf eine künstliche Weise zu inszenieren oder Musik zu einem bloßen Aufmerksamkeits-Trick zu machen. Was ich teile, soll spielerisch und zugänglich sein, aber immer in echter musikalischer Arbeit verwurzelt bleiben.

 

Gab es eine Begegnung, ein Konzert oder einen Moment auf der Bühne, der Ihren musikalischen Weg entscheidend geprägt oder verändert hat?

Zusammen mit Martha Argerich zu spielen war für mich eine prägende Erfahrung. Jeder Ton, den sie spielte, schien einen eigenen Duft zu haben. Das war nichts, was ich hätte imitieren können, aber ihre Präsenz hat meine Wahrnehmung geschärft und die Art verändert, wie ich am Klavier zuhöre und Klang imaginiere.

 

Vielen Dank für das Interview!

Header © Jonas Werner-Hohensee