Der südafrikanische Cellist Abel Selaocoe begeistert und berührt die Menschen weltweit: Sein Spiel, sein Ton – immer schwingt etwas mit und nicht selten ist es seine eigene Stimme, mit der er sich begleitet. Sie macht seine Musik vollkommen und zu einem Ort, an dem man gerne verweilen möchte. Die Musik ist auch das Zuhause des Künstlers. Das teilt er gerne mit anderen Menschen, denen er mit sympathischer Offenheit begegnet. Am 11. Juli gastiert er zusammen mit dem Bantu Ensemble auf der Seebühne von Schloss, wo Selaocoes Kompositionen auf klassische Musik und die Klangfarben seiner südafrikanischen Heimat treffen.
„Zum Cellospiel kam ich durch meinen Bruder. Er war begeisterter Musiker und begann mit dem Fagott“, erinnert sich Selaocoe: „Wir lebten in einem Township in Südafrika namens Sibu Cape und hier gab es nicht viel – aber es gab Hilfsprogramme in anderen Townships, so dass er den ganzen Weg nach Soweto fuhr, um sich in einer Musikschule einzuschreiben. Er war derjenige, der das Cello für mich auswählte. Und er war davon überzeugt, dass es ein vielseitiges Instrument ist, da es sowohl begleiten als auch wunderschön singen kann. Ich glaube, er verglich es mit meinem Charakter.“
Selaocoe schätzt am Cello, dass es immer vibriert: „Es gibt Instrumente, die viele verschiedene Farben haben. Aber das Cello liebt es mitzuschwingen, egal ob es in tiefer oder hoher Lage gespielt wird.“ Als der Künstler 2023 im Rheingau Musik Festival auf Schloss Johannisberg spielte, schaute man ihm gebannt zu, denn was er mit seinem Instrument macht, ist schier unglaublich: welche Töne er dem Resonanzraum entlockt, wie zärtlich oder auch mal rabiat er über die Saiten streicht, sie kraftvoll zupft, das Holz mit großer Geste zusätzlich zum Schwingen bringt, es perkussiv beklopft oder liebevoll reibt.
Der Celloton inspiriere ihn auch zum Singen, bekennt Selaocoe. Und das nicht zufällig, denn: „Singen ist alles in meiner Musik. Es entstammt meiner Kultur, die viele Jahrhunderte zurückreicht und das universelle menschliche Bedürfnis zu singen zelebriert.“ Seine Vorfahren hätten gesungen und er habe versucht, sich von dieser Tradition und Zeit inspirieren zu lassen. Im Konzert auf Schloss Johannisberg sah das dann so aus: Wie einst Cab Calloway in seiner legendären Interpretation von „Minnie the Moocher“ forderte der Cellist zum Nachsingen einer Melodie auf, über die er dann mit Pianist Fred Thomas in südafrikanischen Klängen improvisierte. Zögerlich folgte das Auditorium und bekam plötzlich Lust, selbst harmonisch zu experimentieren. Und Selaocoe? Strahlte, genoss.
Bei so viel Hang zum Improvisieren stellt sich die Frage: Existieren von Selaocoes Stücken eigentlich Noten? „Ja, ich habe Noten für meine Stücke, lasse mich aber trotzdem gerne davon inspirieren, dass ein Großteil der afrikanischen Musik aus der mündlichen Tradition stammt“, erzählt er. Er schreibe also gerade so viel auf, dass der Künstler in der Lage sei, die Noten zu lernen: „Aber der Geist der Musik entsteht vor allem bei den Proben, wenn wir zusammenkommen. Und auch das Improvisieren wächst bei den Proben. Auftritte zu planen ist für den Cellisten sehr wichtig. Aber er lässt auch immer Raum für Inspirationen und Ideen, die im Konzert dann spontan umgesetzt werden. Das gilt auch für das Musizieren mit Orchestern: „Während wir proben und mit einigen Noten in den Prozess einsteigen, gibt es immer auch einen offenen Raum für die Improvisation.“
Medien haben Abel Selaocoe als Grenzgänger bezeichnet. Sieht er sich selbst auch so? „Ich sehe mich als einen Zeitgenossen meiner Umwelt. Ich nehme das, was mich umgibt, was meine Gemeinschaft umgibt, und interpretiere es. Ich bin ein Spiegel für meine Gemeinschaft. Aber ich liebe es auch, auf altes Wissen zurückzublicken, auf alte Zeiten, wie unsere Eltern und Großeltern Geschichten erzählten, was sie aßen, wie sie tanzten und wie sie Konflikte lösten. All das fließt in meine Musik ein.“ 2023 war der Cellist zum ersten Mal zu Gast beim Rheingau Musik Festival, wo es ihm sehrt gut gefiel: „Hier treffen sich Kulturen und Menschen, was wunderschön ist. Und es gibt eine gemeinsame Suche nach der Musik. Überall dort, wo es diese Suche nach Musik und eine Erforschung von Menschen und Vielfalt gibt, möchte ich sein. Ich möchte andere Kulturen kennenlernen und Zeit mit anderen Menschen verbringen. Das ist mein Weg.“
Und der führt ihn als Musiker natürlich an die verschiedensten Orte. Bei so vielen Reisen kommt einem der Titel von Selaocoes erster CD in den Sinn: Sie heißt „Hae Ke Kae? Where is Home“, also: Wo ist Zuhause? „Ich fühle mich an verschiedenen Orten zuhause“, sagt der Musiker. Das sei für ihn jedoch kein geografischer Ort, sondern eher „ein Gefühl der Daseinsberechtigung, mit Liebe vertraut zu sein und akzeptiert zu werden, ohne sich verstellen zu müssen“. Dieser Orte ist für Selaocoe oft seine Familie. Und manchmal, wenn er mit den richtigen Musikern spiele: „Ich habe im Laufe der Zeit einige erstaunliche Freunde gefunden, die sich wie eine Familie anfühlen. Wir urteilen nicht übereinander, wir forschen einfach miteinander und das ist dann ein sehr inspirierender Ort. Also fühle ich mich an beiden Polen zu Hause: bei meiner leiblichen und musikalischen Familie.“
Jan-Geert Wolff
„Arte bringt Rheingau Musik Festival in den TV-Olymp“, titelte die VRM-Tagespresse nach der erstmaligen öffentlichen Vorstellung von europiano im Rahmen der RMF-Pressekonferenz im Februar. Nun ist die Übertragung von ausgewählten Konzerten des Rheingau Musik Festivals auf ARTE nichts Neues, sondern geübte Praxis im Rahmen einer langjährigen fruchtbaren Partnerschaft. Dass aber das Eröffnungskonzert des Rheingau Musik Festivals als eines von elf Konzerten im Rahmen des ARTE-Mammutprojektes „europiano – die schönsten Klavierkonzerte aus Europa“ auserkoren wurde, darf schon als besondere Auszeichnung verstanden werden. Acht Stunden Sendezeit hat ARTE am 21. Juni von 15.30 bis 23.30 Uhr für „die schönsten Klavierkonzerte aus Europa“ freigeräumt.
Das Rheingau Musik Festival und mit ihm das Kurhaus Wiesbaden reihen sich ein in eine exquisite Liste besonderer Städte und symbolträchtiger Stätten – von Wien, Paris und Poznań über Stockholm, Straßburg und Valéncia bis nach Athen, Hamburg und Lissabon und, dies wurde nach langer Geheimhaltung erst Anfang Juni bekanntgegeben, Kyiv. „Es ist uns besonders wichtig, auch die Ukraine mit in diesen Reigen der Aufführungsorte einzureihen. Das war nicht trivial, aber wir sind froh und glücklich, dass es geklappt hat mit unserem ukrainischen Partnersender Suspilne“, sagt Wolfgang Bergmann, Co-Geschäftsführer von ARTE Deutschland.
Der Initiator des Klaviermarathons – ein Musik-, TV- und Streamingereignis, wie es ARTE in dieser Dimension als gemeinsamen Kraftakt mit vielen starken Partnern, nur selten stemmen kann – plant für den europiano-Sonntag einen Pendelverkehr: „Nachmittags werde ich im ZDF-Studio 1 in Mainz sein, von wo aus die Livemoderation mit dem spannenden Duo Annette Gerlach und Louis Philippson gesendet wird. Von dort aus werde ich mich rechtzeitig auf den Weg machen, um live beim Rheingau Musik Festival-Eröffnungskonzert in Wiesbaden dabei zu sein, das dann etwas zeitversetzt um 22.10 Uhr auf ARTE und arte.tv ausgestrahlt werden wird.“
So können Konzertgäste nochmal „nachschauen“, was sie kurz zuvor live erlebt haben. Und alle, die kein Ticket für das längst restlos ausverkaufte Klavierkonzert ergattert haben, dürfen bei ARTE fast live genießen, wenn Hayato Sumino mit dem hr-Sinfonieorchesters Frankfurt Rachmaninows Klavierkonzert Nr. 2 in c-Moll auf der Bühne des Kurhauses interpretiert.
europiano vereint die großen Klavierwerke der Musikgeschichte an einem einzigen Tag, gespielt an symbolträchtigen Orten in ganz Europa. Yulianna Avdeeva, die europiano am Nachmittag mit Brahms‘ Klavierkonzert Nr. 1 aus dem Wiener Konzerthaus eröffnet, betont das Gemeinschaftliche des Tages: „Wir Pianistinnen und Pianisten sind selten an einem Ort, so dass wir uns begegnen könnten. Dass an diesem Tag unserem Instrument der gesamte Tag gewidmet wird, das wird uns zumindest virtuell zusammenbringen.“
Im Laufe des Nachmittags und Abends spielen unter anderem Martha Argerich, Bruce Liu und Eric Lu, begleitet von führenden europäischen Orchestern. Spektakuläre Sommerabend-Kulissen darf das Publikum an den Bildschirmen bei den Open-Air-Übertragungen aus dem Renaissance-Innenhof der alten Universität Valéncia, dem Torre de Belem oder dem Pnyx-Hügel in Athen mit Blick auf die Akropolis erwarten.
Die europiano-Konzertreise endet, direkt im Anschluss an die Übertragung aus dem Kurhaus Wiesbaden, in Kyiv. Keri-Lynn Wilson, die nach einem Luftalarm, der die Generalprobe verhinderte, mit dem Nationalen Philharmonie der Ukraine und Kyiv Camerata das von dem jungen ukrainischen Pianisten Maksym Shadko interpretierte Slawische Klavierkonzert von Borys Lyatoshynsky dirigierte, erklärt: „Wir haben eines der größten Werke der ukrainischen Musik überhaupt gespielt. Für die Einladung zu europiano, durch die wir nicht nur für die Ukrainerinnen und Ukrainer spielen konnten, sondern für ganz Europa, sind wir sehr glücklich.“
ARTE-Geschäftsführer Wolfgang Bergmann hält es für „besonders gut und passend, die vielfältige Linie europäischer Musikgeschichte in die Gegenwart zu ziehen und genau dort ausklingen zu lassen, wo Europa und sein Wertesystem vor seine aktuell schwierigste Prüfung gestellt wird.“ Und insgesamt erhofft er sich für den europiano-Sonntag: „Europa atmet hoffentlich tief durch an diesem Tag und tanzt vom Nachmittag an durch die kürzeste Nacht des Jahres. Wenn sich Europa auf irgendeinem Gebiet feiern darf und feiern kann, dann auf dem Gebiet der Klassischen Musik.“
Im Jahr 2026 feiert Hessen sein 80-jähriges Jubiläum. Seit seiner Gründung hat sich Hessen zu einem modernen, lebenswerten und vielfältigen Land entwickelt: wirtschaftlich erfolgreich, kulturell reich und geprägt von einem starken Zusammenhalt. Von der Rhön bis zum Rhein, vom Taunus bis nach Nordhessen – unser Bundesland verbindet Tradition und Moderne wie kaum ein anderes. Hessen steht für Wirtschaftskraft, Weltoffenheit und Wurzeln. Zwischen Fachwerk, Finanzplatz und Flughafen, zwischen Apfelwein, Ahle Worscht und Algorithmus sowie zwischen Handwerk und Hightech verbinden die Hessinnen und Hessen vermeintliche Gegensätze zu einer starken Gemeinschaft.
Das gleiche gilt auch für das Rheingau Musik Festival. Seit über drei Jahrzehnten ist das Rheingau Musik Festival ein Event der Weltklasse, an dem sich die Faszination für klassische Musik mit dem Puls der Gegenwart verbindet. Zwischen Weinbergen, Burgen und dem Rhein schafft das Festival jedes Jahr aufs Neue eine einzigartige Symbiose aus bewährter Tradition und mutiger Innovation.
Das Rheingau Musik Festival ist zu einem Teil hessischer Identität, einem kulturellen Highlight weit über Hessen hinaus und einem echten Markenzeichen unseres Landes geworden. Damit hat es eine herausragende Bedeutung für unser Jubiläumsjahr 2026 und für 80 Jahre Hessen.
Deshalb feiern Hessen und das Rheingau Musik Festival das 80-jährige Jubiläum unseres Landes auch gemeinsam, u.a. mit der Hessenbühne im Kurpark Wiesbaden sowie mit dem geplanten Side-by-Side Konzert, das junge Musikerinnen und Musiker fördert. So zeigen wir vereint und stolz, was uns ausmacht: Wir sind modern und traditionsbewusst, leistungsstark und lebensfroh, gelegen in der Mitte Deutschlands und in der Welt zu Hause. 80 Jahre Hessen und das RMF verdeutlichen gemeinsam, dass unser Land seine Herkunft im Herzen trägt und der Zukunft mutig entgegengeht.
Ich wünsche Ihnen in diesem Geiste einen Konzertsommer der Extraklasse und uns allen gemeinsam ein gelungenes Jubiläumsjahr unseres Landes.
Mit herzlichen Grüßen
Boris Rhein
Hessischer Ministerpräsident
Schirmherr des Rheingau Musik Festivals
Er ist einer unserer liebsten Stammkünstler und gemeinsam feiern wir in diesem Jahr seinen 70. Geburtstag. Kaum ein Jazzer hat das Rheingau Musik Festival in den vergangenen Jahren so sehr geprägt wie der schwedische Posaunist und Sänger Nils Landgren. Und auch in diesem Jahr ist er in unterschiedlichsten Formationen mit energiegeladenem Funk, intimen Balladen und rhythmischen Grooves auf den Bühnen des Rheingaus zu erleben!
Sie blicken auf eine lange und erfolgreiche Karriere zurück, in der Sie auf vielen bedeutenden Bühnen gespielt haben. Gab es Schlüsselmomente, auf die Sie besonders gerne zurückblicken, Momente, die Sie künstlerisch oder persönlich geprägt haben?
Es gibt viele Momente, aber einige bleiben natürlich besonders stark in Errinnerung. So, zum Beispiel, mein erstes Bigbandkonzert, als ich 14 Jahre alt war, und ich mich gewagt habe, ein Solo zu spielen. Vielleicht war es nicht gut aber immerhin ein Versuch. Mit 25 Jahren bin ich mit dem weltbekannten Bigbandleader Thad Jones nach Milan geflogen, um in seiner Band erste Posaune zu spielen. Das war wirklich großes Kino! 1991 durfte ich bei der Gründung von JazzBaltica dabei sein. Das war ein erster großer Schritt außerhalb Schwedens eine Karriere zu starten.
Jeder Musiker und jede Musikerin hat eine persönliche Geschichte, wie er oder sie zu seinem Instrument gefunden hat. Wie sind Sie überhaupt zur Posaune gekommen?
Als ich 13 Jahre alt war und von der Schule nach Hause kam, bin ich auf eine Posaune gestoßen, die im Flur stand. Und da ich schon immer einfach sehr neugierig war, wollte ich das Instrument natürlich sofort ausprobieren – und der Rest ist Geschichte.
Sie sind musikalisch sehr breit aufgestellt. Wo fühlen Sie sich musikalisch am wohlsten? Gibt es ein Werk oder einen Song, der nie langweilig wird und den Sie immer wieder neu interpretieren?
Ich fühle mich genau dort wohl, wo ich mich momentan befinde und ich versuche jeden Moment zu genießen. Wie ich schon erwähnt habe, ich bin sehr neugierig und immer auf der Suche nach neuen Herausforderungen. Es gibt einen Song, den ich immer wieder gerne singe und spiele, egal ob im Duo mit dem Gitarristen Johan Norberg oder arrangiert vom großartigen Vince Mendoza für großes Sinfonieorchester. Und zwar ist das der Song „Get here“ von Brenda Russell. Übrigens, ist sie eine gute Freundin von mir, und ich war sogar im Studio, als sie den Song in Stockholm aufgenommen hat.
Die Live-Musik lebt vom Zusammenspiel zwischen den Musikerinnen und Musikern und dem Publikum. Wie beeinflusst die Stimmung des Publikums Ihr eigenes Spiel? Spüren Sie die Energie und lassen Sie sich davon inspirieren?
Absolut! In der Musik geht es ja um Kommunikation und nur wenn diese Kommunikation zwischen Bühne und Publikum entsteht, bin ich happy. Es gibt nichts Besseres als einen Saal voller glücklicher Menschen – sowohl auf der Bühne als auch im Publikum.
Zwischen sorgfältiger Vorbereitung und Intuition entsteht die persönliche Interpretation. Einige Musikerinnen und Musiker berichten oft von Momenten, in denen aber vor allem das Instinktive überwiegt. Welche Rolle spielt Intuition beim Musizieren im Vergleich zu Technik, Vorbereitung und Planung?
In dem musikalischen Bereich, den man meist Jazz nennt – oder vielleicht treffender als improvisierte Musik bezeichnen könnte –, spielt Intuition eine zentrale Rolle. Ohne den eigenen Instinkt wäre es kaum möglich, diese Art von Musik zu interpretieren. Jedes Mal entsteht etwas Neues: Die Ideen von gestern sind meist schon vergessen und ich muss mir immer wieder etwas Neues einfallen lassen. Genau das macht die Musik so spannend. Aber es ist gleichzeitig auch eine große Herausforderung, die mit viel Verantwortung verbunden ist.
Die Musik lebt von Tradition, aber auch von neuen Stimmen und Werken. Gibt es Komponisten, Werke oder Stile, die Sie der nächsten Generationen besonders gerne näherbringen würden?
Diese Frage ich überlasse ich gerne der nächsten Generation. Ich liebe einfach Musik.
Oft begegnet man in der Musik unerwarteten Klängen oder kompositorischen Ideen, die den eigenen Horizont erweitern. Welche Werke, Künstlerinnen oder Künstler haben Sie überrascht, weil sie völlig anders waren, als Sie es erwartet hätten?
Es gibt im Leben viele Überraschungen und eine davon war für mich, den deutschen Posaunisten Albert Mangelsdorff live zu erleben. Mitte der 1970er-Jahre hörte ich ihn bei einem Konzert im Goethe-Institut in Stockholm. Er trat solo auf, ganz allein mit seiner Posaune, und sang gleichzeitig während des Spiels, wodurch er Mehrstimmigkeit erzeugte. Das war sehr ungewöhnlich und vor allem beeindruckend. Dieser Moment hat mich tief geprägt. Später haben wir uns kennengelernt und auch gemeinsam Musik gemacht. Einige Zeit danach wurde ich schließlich sein Nachfolger als künstlerischer Leiter des Jazzfests Berlin.
Sie stehen selten allein auf der Bühne und treten gern in unterschiedlichen Formationen auf. Wie wichtig ist Ihnen die Zusammenarbeit mit Kolleginnen, Kollegen oder Orchestern? Inwiefern prägen diese Beziehungen Ihre eigenen Interpretationen?
Mit ein bisschen Glück wird jede Formation zu einer Familie und es ist immer schön, diese unterschiedlichen „Familien“ zu treffen, ganz gleich, ob wir gemeinsam Musik machen oder uns einfach ohne Instrumente begegnen. Jede Familie ist anders und vor allem einzigartig und das gilt auch für uns Künstlerinnen und Künstler. Es geht um Verständnis und Liebe sowohl beruflich als auch privat.
In einem Ihrer Sommerkonzerte geht es um sehr persönliche Werke, Lieder und Melodien aus Ihrer Heimat. Welche musikalischen Erinnerungen verbinden Sie mit Skandinavien, mit Schweden? Wie hat dieses Land Sie und Ihre Musik geprägt?
Ich bin in Schweden geboren. Ich sehe mich aber wie ein Weltbürger, der sich (fast) überall zu Hause fühlt, solange die eigenen Wurzeln irgendwo, irgendwie im Herzen verankert bleiben. Schweden und Skandinavien trage ich immer in und bei mir. Sie sind meine musikalische Schatzkiste, in der es stets Neues zu entdecken und zu erleben gibt.
Sie sind seit vielen Jahren ein fester Bestandteil des Rheingau Musik Festivals. Was verbinden Sie persönlich mit dem Festival, mit der Region und den Menschen, die hier regelmäßig zusammenkommen?
Das Rheingau Musik Festival ist so ein schönes Festival: vielfältig, großzügig, herzlich und dabei immer auf dem höchsten Niveau, sowohl musikalisch als auch menschlich. Ich habe beim Festival unzählige wunderbare Momente erlebt, tolle Menschen getroffen, viele neue Freundschaften geschlossen und sehr viel Liebe erfahren. Dafür bin ich ewig dankbar. Ich hoffe sehr, dass das Festival noch lange genau so weiterbesteht.
Gemeinsam dürfen wir Ihren 70. Geburtstag feiern. Haben die Programme etwas mit diesem besonderen Ereignis zu tun? Wie haben Sie die kommenden Konzerte im Rheingau kuratiert und gestaltet?
Ich habe Musik ausgewählt, die mir persönlich sehr gefällt und ich hoffe, dass sie auch beim Publikum gut ankommt. Gemeinsam mit den Gastmusikerinnen und -musikern werden wir eine Mischung aus schwedischen, skandinavischen und internationalen Stücken singen und spielen. Ich freue mich riesig, erneut beim Rheingau Musik Festival Gast zu sein.
Auf was freuen Sie sich am meisten beim Rheingau Musik Festival?
Auf die Menschen, die Musik und die Liebe zum Leben!
Vielen Dank für das Interview!
María Dueñas zählt zu den aufregendsten jungen Geigerinnen ihrer Generation. Mit technischer Brillanz, klanglicher Tiefe und außergewöhnlicher Reife verbindet sie Virtuosität mit leidenschaftlicher Intensität und begeistert auf den großen internationalen Bühnen. Ob im klassischen Repertoire oder in großen romantischen Werken – María Dueñas verleiht jeder Komposition eine persönliche, von natürlicher Eleganz geprägte Handschrift, die sie in drei Konzerten beim diesjährigen Rheingau Musik Festival eindrucksvoll präsentiert.
Sie stehen bereits seit einigen Jahren auf den großen Bühnen der Klassik-Welt. Was bedeutet Musik für Sie persönlich? Gibt es auch Tage, an denen Sie bewusst ohne Musik auskommen?
Musik ist mein ganzer Alltag, sie gibt mir Halt und lässt mich fühlen, was Worte nicht können. Es gibt seltene Tage, da lasse ich sie mal ruhen, vielleicht beim Spazieren oder beim Wandern, aber sie schleicht sich immer wieder ein und summt im Hinterkopf.
Gibt es ein Werk, das Sie besonders gerne spielen, oder eines, das Sie immer wieder vor neue, unerwartete Herausforderungen stellt?
Die Chaconne von Johann Seabstian Bach gehört zu den Werken, zu denen ich immer wieder gern zurückkehre. Gleichzeitig stellt sie mich jedes Mal vor neue Herausforderungen, weil sie so vielschichtig ist. Man hört nie auf, Neues zu entdecken.
Was zieht Sie an einem Werk am meisten an: die technische Herausforderung, die emotionale Tiefe, die historische Bedeutung oder etwas ganz anderes?
Am stärksten berührt mich die emotionale Tiefe eines Werkes, dieses unmittelbare, „pure“ Gefühl dahinter. Technik und historische Dimension gehören selbstverständlich dazu und runden das Ganze ab, aber letztlich ist es diese innere Kraft eines Stückes, die mich nicht mehr loslässt.
Ihre Technik und ihr musikalisches Gespür werden auf der ganzen Welt gefeiert und bewundert. Wenn Sie sich auf einen Auftritt vorbereiten, erlauben Sie sich bewusst kreative Risiken? Wie finden Sie das Gleichgewicht zwischen Kontrolle und Freiheit?
Ich halte es für notwendig, immer wieder bewusst Neues auszuprobieren und kleine Risiken einzugehen, um die Musik lebendig zu halten. Kontrolle schenkt Stabilität, Freiheit sorgt für den zündenden Funken. Die Balance aus beidem ist für mich ideal und entsteht durch intensive Arbeit und genaues Hineinhören in die Musik und in mich selbst.
Haben Sie persönliche Rituale oder Gewohnheiten, mit denen Sie sich auf Konzerte vorbereiten? Mit Ihrer Professionalität und der Ruhe, die Sie auf den Konzertbühnen ausstrahlen, spielt Nervosität und Aufregung nach den Jahren überhaupt noch eine Rolle für Sie?
Meine Rituale sind relativ schlicht: das Instrument aufwärmen, bewusst atmen, die Atmosphäre des Konzerts innerlich durchgehen. Nervosität, oder besser gesagt eine Art positive Aufregung, ist immer da, aber sie äußert sich inzwischen als Energie, die mich antreibt, statt mich zu blockieren.
Welchen musikalischen Projekten oder Kompositionen möchten Sie sich in Zukunft noch widmen?
Ich bin offen und neugierig für neue Projekte, die auf mich zukommen, gern auch zeitgenössische Werke oder eigene Kompositionen. Mich reizt alles, was meinen Horizont erweitert und mir neue Ausdrucksmöglichkeiten eröffnet.
Mit ihren drei Konzerten beim Rheingau Musik Festival spielen Sie sowohl im Kurhaus Wiesbaden als auch im Kammermusiksaal von Schloss Johannisberg. Beeinflussen solch unterschiedliche Orte und Räume ihr Spiel? Wie prägen Aufführungsorte die Interpretation eines Stückes?
Unbedingt. Das Kurhaus verlangt nach Kraft und Weite im Klang, während Johannisberg eher Feinheit und Nähe einfordert. Der Raum beeinflusst Dynamik, Atmung und die Verbindung zum Publikum. Er ist wie ein zusätzlicher Mitspieler. Gerade diese unterschiedlichen Facetten an einem Werk sichtbar zu machen, finde ich äußerst spannend.
Als Fokus-Künstlerin beim Rheingau Musik Festival sind Sie in mehreren Konzerten und unterschiedlichen Besetzungen zu erleben. Wie unterscheiden sich Rezitale oder Duoabende von Solopartien an der Seite großer Orchester? Spielt das Zwischenmenschliche eine große Rolle oder geht es letztlich nur um die Musik?
Rezitale und Duos leben stark von der unmittelbaren und musikalischen Verbindung zu den Partnern, das hat etwas sehr Intimes. Gleichzeitig spielt aber auch das Publikum eine entscheidende Rolle. An der Seite eines Orchesters trage ich meine Solostimme über einem großen Klangkörper; ohne die menschliche Ebene, ohne dieses Miteinander, würde alles flach wirken. Musik ist immer Beziehung, ob im Duo, im Rezital oder in der Solopartie mit Orchester.
Wir freuen uns sehr, dass Sie das Festival mit Ihren Konzerten bereichern. Worauf darf das Publikum gespannt sein und worauf freuen Sie sich selbst am meisten?
Ich freue mich sehr auf die unterschiedlichen Ebenen und Farben dieser Konzerte. Das Publikum darf sich auf Vielfalt, Kontraste und hoffentlich viele unerwartete Momente freuen. Auf die gemeinsame Energie im Saal bin ich schon jetzt gespannt. Herzlichen Dank für die Einladung!
Vielen Dank für das Interview!