Ob auf internationalen Bühnen oder auf Social Media: Der japanische Pianist Hayato Sumino erobert die Musikwelt im Sturm. Sein Markenzeichen: musikalische Traditionen mit visionären Interpretationen und Eigenkompositionen in die Zukunft führen. Virtuos, außergewöhnlich und ganz persönlich verleiht Hayato Sumino Vertrautem neue Leuchtkraft, wenn in seinen Konzerten klassische Werke auf Improvisation, jazzige Harmonien und eigene Kompositionen treffen.
Ihr musikalisches Spektrum reicht von klassischer Musik über Jazz bis hin zu zeitgenössischen Werken. Zudem komponieren Sie auch selbst. Woher schöpfen Sie Ihre Inspiration und was möchten Sie mit Ihren eigenen Kompositionen ausdrücken, was sich durch Interpretationen allein vielleicht nicht sagen lässt?
Meine Inspirationsquellen sind sehr vielfältig: Musik, Malerei, Film, der Alltag oder Landschaften die Natur mit ihren Landschaften. Gerade die Mischung all dieser scheinbar unzusammenhängenden Einflüsse prägt meine musikalische Persönlichkeit. In meinen eigenen Kompositionen kommt diese Persönlichkeit am unmittelbarsten zum Ausdruck. Dort kann ich am meisten ich selbst sein.
Das Spannungsfeld zwischen Tradition und Erneuerung prägt Ihr künstlerisches Arbeiten. Wie gelingt es Ihnen, das musikalische Erbe zu bewahren und zugleich weiterzuentwickeln? Gibt es einen Leitgedanken oder vielleicht sogar ein persönliches „Geheimnis“, das Sie dabei begleitet?
Mein Leitprinzip lautet: Den Kern respektieren, an der Oberfläche frei sein.
Der Kern besteht aus Struktur, Intention und Ästhetik. Es ist wie eine unsichtbare Architektur. Wenn ich diese wirklich tief verstehe, kann ich mir die Freiheit in Klangfarbe, Timing und Anschlag erlauben, auch in genreübergreifenden Projekten, ohne der Musik untreu zu werden. Anders gesagt: Je ernster ich die Wurzeln nehme, desto natürlicher können neue Äste wachsen.
Improvisation und Spontaneität spielen in Ihrer Musik eine besondere Rolle. Wie wichtig sind diese Elemente für Ihr kreatives Schaffen sowohl auf der Bühne als auch im Kompositionsprozess?
Improvisation ist für mich so etwas wie meine instinktive Sprache und der Ursprung fast all meiner kreativen Arbeit. Ohne sie hätte ich das Gefühl, meine eigene Stimme würde mir versiegelt, als dürfte ich nicht mehr in meinen natürlichen Worten sprechen. Im Konzert ist sie ebenso wichtig, weil sie das Musizieren wirklich lebendig hält. Improvisation erlaubt mir, auf den Raum, das Instrument, das Publikum und meine jeweilige Stimmung reagieren zu können. Da immer ein Moment des Unvorhersehbaren bleibt, fühlt sich jedes Konzert neu an. Und genau das hilft mir, jedes Mal alles zu geben.
Welche Verantwortung empfinden Sie als Künstler in Zeiten von TikTok, YouTube & Co.? Gibt es Grenzen dessen, wie weit Sie sich oder Ihre Musik online inszenieren möchten?
Ich empfinde vor allem die Verantwortung, ehrlich zu bleiben. Wenn mir etwas als Musiker keinen echten Spaß macht, möchte ich es nicht tun, nur weil es online gut funktionieren könnte. Gleichzeitig nutze ich diese Plattformen gern als Eingangstor. Wenn ein Video die musikalische Neugier eines Menschen weckt und ihn dazu bringt, tiefer zuzuhören oder sogar ein Konzert zu besuchen, ist das für mich das beste Ergebnis.
Ja, es gibt also Grenzen. Ich habe kein Interesse daran, mich auf eine künstliche Weise zu inszenieren oder Musik zu einem bloßen Aufmerksamkeits-Trick zu machen. Was ich teile, soll spielerisch und zugänglich sein, aber immer in echter musikalischer Arbeit verwurzelt bleiben.
Gab es eine Begegnung, ein Konzert oder einen Moment auf der Bühne, der Ihren musikalischen Weg entscheidend geprägt oder verändert hat?
Zusammen mit Martha Argerich zu spielen war für mich eine prägende Erfahrung. Jeder Ton, den sie spielte, schien einen eigenen Duft zu haben. Das war nichts, was ich hätte imitieren können, aber ihre Präsenz hat meine Wahrnehmung geschärft und die Art verändert, wie ich am Klavier zuhöre und Klang imaginiere.
Vielen Dank für das Interview!
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