Dieses Erlebnis ist wahrlich ein Fest für alle Sinne. Naja, für fast alle Sinne. Denn ein Sinn wird in diesem außergewöhnlichen Konzertformat bewusst ausgeschaltet: das Sehen. Umso geschärfter ist dafür der Hörsinn. Es entstehen starke Bilder im Kopf und die Musik wird so außergewöhnlich intensiv wahrgenommen. Man ist kurze Zeit auf der Suche nach neuen Ankerpunkten, findet sich neu zurecht, achtet auf andere Dinge, wird sich Manchem vielleicht neu bewusst – und lässt sich fallen in eine Welt aus Musik und Text, Gedanken und Gefühlen, Fiktion und Wahrheit und Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

„Dark Room“ nennt sich diese besondere Konzertreihe, die 2012 vom Orchester im Treppenhaus ins Leben gerufen wurde, mittlerweile fünf Teile umfasst und sich deutschlandweit großer Beliebtheit erfreut. Es ist ein Dunkelhörspiel, ein Dunkelkonzert, in dem das Publikum ohne visuelle Reize mit Musik und Text konfrontiert wird. In einem abgedunkelten Raum werden die Konzertgäste zunächst mit Schlafbrillen ausgestattet und blind an den Platz geführt. Und dann gilt es sich einzulassen auf ein besonderes Format, auf ein Konzerterlebnis, das verschiedene Kunstformen in sich vereint und sowohl unterhaltsam ist, als auch zum Nachdenken anregt.

In diesem Jahr präsentieren die Mitglieder des Orchesters und die beiden Synchronsprecher Tobias Kluckert und Norman Matt ihren „Blindflug ins All“ beim Rheingau Musik Festival (5.8.) im Fürst von Metternich Konzert-Kubus auf Schloss Johannisberg. Erzählt wird die abenteuerliche Geschichte der Kosmonauten Pawel Beljajew und Alexei Leonow, beginnend mit dem Start ihrer Mission Woschod2 bis zu ihrer glücklichen Bergung im winterlichen Ural. Es ist eine Geschichte über den Wettkampf der Ideologien zweier Großmächte. Und es ist die Geschichte zweier einfacher Männer, denen alles abverlangt wird, und die im Angesicht des Todes in einer kleinen, fliegenden Blechbüchse die ultimativen Fragen der Menschheit berühren. Fragen – ebenso zeitlos wie aktuell. Was bedeutet uns die Erde? Wie verletzlich, wie klein ist unser kostbares Habitat? Und wie fragil ist die ganze menschliche Existenz? Das Orchester im Treppenhaus verwebt die Geschichte mit Musik von Marko Nikodijevic, Giovanni Sollima und Gustav Holst: „Blindflug ins All“ ist ein Hörtrip, eine Klangmission zwischen Spannung, Komik und Transzendenz.

Diesem Orchester gelingt es immer wieder, den Rahmen klassischer Konzerte aufzubrechen. Seine Mitglieder sind immer auf der Suche nach Neuem, Unerwarteten und auch Forderndem. Für sich selbst, aber auch für das Publikum. Und sie sind vor allem eines: neugierig. Mit spielerischem Forschungstrieb untersuchen die jungen Musikerinnen und Musiker des Orchesters im Treppenhaus die Grenzen der Live-Situation Konzert, öffnen Türen zu neuen Hörerlebnissen, intimen Momenten und überraschenden Inhalten. Ihre Konzertformate sind unbedingt erlebenswert – mit (fast) allen Sinnen!

Konzert

K 82 | FR 5.8.2022 | 19 Uhr

Schloss Johannisberg
Fürst von Metternich Konzert-Kubus

Orchester im Treppenhaus präsentiert
„Dark Room: Blindflug ins All“

Tobias Kluckert und Norman Matt, Sprecher
Orchester im Treppenhaus
Thomas Posth, Leitung

Fotos © Nailya Bikmurzina, Yvonne Salzmann, Moritz Küstner