Der südafrikanische Cellist Abel Selaocoe begeistert und berührt die Menschen weltweit: Sein Spiel, sein Ton – immer schwingt etwas mit und nicht selten ist es seine eigene Stimme, mit der er sich begleitet. Sie macht seine Musik vollkommen und zu einem Ort, an dem man gerne verweilen möchte. Die Musik ist auch das Zuhause des Künstlers. Das teilt er gerne mit anderen Menschen, denen er mit sympathischer Offenheit begegnet. Am 11. Juli gastiert er zusammen mit dem Bantu Ensemble auf der Seebühne von Schloss, wo Selaocoes Kompositionen auf klassische Musik und die Klangfarben seiner südafrikanischen Heimat treffen.
„Zum Cellospiel kam ich durch meinen Bruder. Er war begeisterter Musiker und begann mit dem Fagott“, erinnert sich Selaocoe: „Wir lebten in einem Township in Südafrika namens Sibu Cape und hier gab es nicht viel – aber es gab Hilfsprogramme in anderen Townships, so dass er den ganzen Weg nach Soweto fuhr, um sich in einer Musikschule einzuschreiben. Er war derjenige, der das Cello für mich auswählte. Und er war davon überzeugt, dass es ein vielseitiges Instrument ist, da es sowohl begleiten als auch wunderschön singen kann. Ich glaube, er verglich es mit meinem Charakter.“
Selaocoe schätzt am Cello, dass es immer vibriert: „Es gibt Instrumente, die viele verschiedene Farben haben. Aber das Cello liebt es mitzuschwingen, egal ob es in tiefer oder hoher Lage gespielt wird.“ Als der Künstler 2023 im Rheingau Musik Festival auf Schloss Johannisberg spielte, schaute man ihm gebannt zu, denn was er mit seinem Instrument macht, ist schier unglaublich: welche Töne er dem Resonanzraum entlockt, wie zärtlich oder auch mal rabiat er über die Saiten streicht, sie kraftvoll zupft, das Holz mit großer Geste zusätzlich zum Schwingen bringt, es perkussiv beklopft oder liebevoll reibt.
Der Celloton inspiriere ihn auch zum Singen, bekennt Selaocoe. Und das nicht zufällig, denn: „Singen ist alles in meiner Musik. Es entstammt meiner Kultur, die viele Jahrhunderte zurückreicht und das universelle menschliche Bedürfnis zu singen zelebriert.“ Seine Vorfahren hätten gesungen und er habe versucht, sich von dieser Tradition und Zeit inspirieren zu lassen. Im Konzert auf Schloss Johannisberg sah das dann so aus: Wie einst Cab Calloway in seiner legendären Interpretation von „Minnie the Moocher“ forderte der Cellist zum Nachsingen einer Melodie auf, über die er dann mit Pianist Fred Thomas in südafrikanischen Klängen improvisierte. Zögerlich folgte das Auditorium und bekam plötzlich Lust, selbst harmonisch zu experimentieren. Und Selaocoe? Strahlte, genoss.
Bei so viel Hang zum Improvisieren stellt sich die Frage: Existieren von Selaocoes Stücken eigentlich Noten? „Ja, ich habe Noten für meine Stücke, lasse mich aber trotzdem gerne davon inspirieren, dass ein Großteil der afrikanischen Musik aus der mündlichen Tradition stammt“, erzählt er. Er schreibe also gerade so viel auf, dass der Künstler in der Lage sei, die Noten zu lernen: „Aber der Geist der Musik entsteht vor allem bei den Proben, wenn wir zusammenkommen. Und auch das Improvisieren wächst bei den Proben. Auftritte zu planen ist für den Cellisten sehr wichtig. Aber er lässt auch immer Raum für Inspirationen und Ideen, die im Konzert dann spontan umgesetzt werden. Das gilt auch für das Musizieren mit Orchestern: „Während wir proben und mit einigen Noten in den Prozess einsteigen, gibt es immer auch einen offenen Raum für die Improvisation.“
Medien haben Abel Selaocoe als Grenzgänger bezeichnet. Sieht er sich selbst auch so? „Ich sehe mich als einen Zeitgenossen meiner Umwelt. Ich nehme das, was mich umgibt, was meine Gemeinschaft umgibt, und interpretiere es. Ich bin ein Spiegel für meine Gemeinschaft. Aber ich liebe es auch, auf altes Wissen zurückzublicken, auf alte Zeiten, wie unsere Eltern und Großeltern Geschichten erzählten, was sie aßen, wie sie tanzten und wie sie Konflikte lösten. All das fließt in meine Musik ein.“ 2023 war der Cellist zum ersten Mal zu Gast beim Rheingau Musik Festival, wo es ihm sehrt gut gefiel: „Hier treffen sich Kulturen und Menschen, was wunderschön ist. Und es gibt eine gemeinsame Suche nach der Musik. Überall dort, wo es diese Suche nach Musik und eine Erforschung von Menschen und Vielfalt gibt, möchte ich sein. Ich möchte andere Kulturen kennenlernen und Zeit mit anderen Menschen verbringen. Das ist mein Weg.“
Und der führt ihn als Musiker natürlich an die verschiedensten Orte. Bei so vielen Reisen kommt einem der Titel von Selaocoes erster CD in den Sinn: Sie heißt „Hae Ke Kae? Where is Home“, also: Wo ist Zuhause? „Ich fühle mich an verschiedenen Orten zuhause“, sagt der Musiker. Das sei für ihn jedoch kein geografischer Ort, sondern eher „ein Gefühl der Daseinsberechtigung, mit Liebe vertraut zu sein und akzeptiert zu werden, ohne sich verstellen zu müssen“. Dieser Orte ist für Selaocoe oft seine Familie. Und manchmal, wenn er mit den richtigen Musikern spiele: „Ich habe im Laufe der Zeit einige erstaunliche Freunde gefunden, die sich wie eine Familie anfühlen. Wir urteilen nicht übereinander, wir forschen einfach miteinander und das ist dann ein sehr inspirierender Ort. Also fühle ich mich an beiden Polen zu Hause: bei meiner leiblichen und musikalischen Familie.“