Orchestra in Residence 2026: Academy of St Martin in the Fields

„Über den Konzertsaal hinaus nutzen wir die Kraft der Musik, um Menschen zu stärken“

1958 in London gegründet, begeistert die Academy of St Martin in the Fields seit Jahrzehnten mit Präzision, Leichtigkeit und einem unverwechselbaren Klangideal. Seit nunmehr 15 Jahren steht ihr mit Joshua Bell ein musikalischer Leiter zur Seite, der sich selbst in großen sinfonischen Werken als primus inter pares in das Orchestertutti einfügt. Mit vier Konzerten präsentiert das Ensemble in diesem Sommer seine beeindruckende künstlerische Bandbreite und beweist einmal mehr, warum es zu den international herausragendsten Klangkörpern zählt.

In einem Orchester sind Zusammenhalt, Kommunikation und ein gemeinsames musikalisches Verständnis entscheidend. Wie schaffen Sie es, einen einheitlichen Klang zu erzeugen und miteinander zu kommunizieren? Was macht für Sie einen herausragenden Klangkörper aus?

Als Sir Neville Marriner 1958 die Academy of St Martin in the Fields gründete, geschah dies teilweise als Reaktion auf seine Erfahrungen in den großen Sinfonieorchestern der damaligen Zeit und aus dem Wunsch heraus, den besten Musikerinnen und Musikern Londons größere musikalische Freiheiten zu ermöglichen. Von Anfang an war es ein zentrales Prinzip, dass jede Musikerin und jeder Musiker Verantwortung, Wahlfreiheit und Autonomie trägt. Und genau so machte die ASMF von Beginn an Musik.

Zu dieser Zeit wirkte Sir Neville als Stimmführer der zweiten Violinen im London Symphony Orchestra und trat noch nicht regelmäßig als Dirigent in Erscheinung. Das Ensemble war somit von Beginn an musikergeführt. Dadurch entstand eine Kultur von geteilter Verantwortung und kreativer Selbstbestimmung, die bis heute besteht. Selbst als sich Sir Neville als einer der weltweit führenden Dirigenten etabliert hatte und sich die ASMF von einem kammermusikalischen Streichensemble gelegentlich zu einem Orchester romantischer Dimensionen erweiterte, ging die kammermusikalische Mentalität nie verloren.

Seit fast fünfzehn Jahren leitet nun unser Musikdirektor Joshua Bell die Academy of St Martin in the Fields von der Geige aus. Er führt zwar das Orchester, aber er fordert auch volles Engagement von jedem einzelnen Mitglied. Damit die Bläser als eine Einheit atmen und phrasieren oder eine der zweiten Violinen mit den Kontrabässen kommunizieren kann, braucht es tiefes Vertrauen und stetiges Zuhören. Einer unserer Geiger beschrieb unsere Arbeitsweise einmal als „gemeinsam schaffen, statt die Vision einer Einzelperson zu verbreiten“. Dieses gemeinsame Ziel wird zusätzlich gestärkt durch die Zeit, die das Orchester im Laufe des Jahres auf Tourneen und beim Reisen miteinander verbringt.

 

Es gibt einige internationale Spitzenorchester. Wie gelingt es, sich in diesem Umfeld zu behaupten, sich abzuheben und eine eigene, unverwechselbare Identität zu entwickeln?

Die Academy of St Martin in the Fields hat nie regelmäßige staatliche Fördermittel vom Arts Council England erhalten. Dies erfordert zwar unternehmerisches Denken und Einfallsreichtum, ermöglicht uns aber zugleich, auf eine Weise zu arbeiten, die wirklich unseren Werten und künstlerischen Überzeugungen entspricht.

Dank eines außergewöhnlichen internationalen Netzwerks von Freundinnen, Freunden, Unterstützerinnen und Unterstützern können wir unsere Unabhängigkeit wahren und auf eine Art arbeiten, an die wir wirklich glauben. Die musikalische Freiheit der Musikerinnen und Musiker sorgt für Aufführungen, bei denen die künstlerische Verantwortung vom gesamten Ensemble getragen wird.

Dieser Ansatz hat langjährige Partnerschaften mit einigen der weltweit bekanntesten Solistinnen und Solisten hervorgebracht. Unsere fünfzehnjährige Zusammenarbeit mit Joshua Bell ist ein deutliches Beispiel dafür, wie wachsendes Vertrauen die Konzerte beeinflusst. Derselbe Geist prägt die Struktur des Orchesters insgesamt: einige Mitglieder sitzen im Vorstand; eine musikergeführte Creative Planning-Groupe gestaltet das Repertoire und Kooperationen; unsere Social Purpose-Groupe lenkt die Arbeit über den Konzertsaal hinaus und der Marriner Project-Fond unterstützt neue Ideen und Auftragswerke, die direkt von unseren Musikerinnen und Musikern entwickelt werden.

Seit 1958 ist die ASMF eines der meistaufgezeichneten Orchester der Geschichte, mit Aufnahmen und digitalen Projekten, die stetig ein weltweites Publikum begeistern. Heute pflegt das Orchester eine starke Präsenz im Vereinigten Königreich, tourt international mit einem Repertoire, das vom 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart reicht, und ist einer der bekanntesten Kulturbotschafter Großbritanniens. Über den Konzertsaal hinaus nutzen wir die Kraft der Musik, um Menschen zu stärken. Dazu zählen unter anderem Projekte für und mit Menschen, die von Obdachlosigkeit betroffen sind, oder Initiativen zur Förderung aufstrebender Talente weltweit.

Wie entstehen die Programme und Repertoireentscheidungen der Academy of St Martin in the Fields? Geht die Initiative hauptsächlich vom musikalischen Leiter aus oder haben auch die Musikerinnen und Musiker Einfluss?

Unsere Programme entstehen immer in enger Zusammenarbeit zwischen den Künstlerinnen und Künstlern, mit denen wir arbeiten, und dem Orchester direkt. Dabei geht es uns darum sowohl die individuelle künstlerische Stimme jeder Person zu feiern als auch die kollektive Identität des Ensembles. Wir wollen unsere eigenen Mitglieder in den Vordergrund stellen, aber genauso das Privileg nutzen, mit herausragenden Gastkünstlerinnen und -künstlern zusammenzuspielen.

Ein Beispiel dafür beim Rheingau Musik Festival ist das Konzert von Vivaldis Konzert für zwei Violoncelli. Dabei spielt unser Solo-Cellist gemeinsam mit der großartigen Anastasia Kobekina. Diese Art der Programmgestaltung spiegelt unser Engagement für Zusammenarbeit, Neugier und gemeinsames künstlerisches Eigentum wider.

Joshua Bell leitet das Orchester nicht als klassischer Chefdirigent, sondern als musikalischer Direktor. Worin unterscheidet sich die Zusammenarbeit mit einem Dirigenten von der Arbeit mit einem Solisten aus dem Ensemble heraus? Welche Vorteile und vielleicht auch Herausforderungen bringt dieses Modell mit sich?

Ich hoffe, es ist in Ordnung, wenn ich dieses Zitat aus einer Rezension zu unserem Auftritt im Jahr 2023 in Sydney teile – es bringt diesen Ansatz wirklich schön auf den Punkt:

„Makellos präsentiert, mit einer wunderbaren Kameradschaft unter den Mitgliedern, wird die Verantwortung, einem sitzenden Musikdirektor zu folgen, auf alle verteilt. Das schafft ein gegenseitiges Verständnis und die kollektive Entscheidung, gemeinsam zu agieren. Diese Einheit fühlt sich anders an als bei einem Orchester, das sich einfach zurücklehnen und einem stehenden Dirigenten folgen kann. ASMF ist ein leuchtendes Beispiel dafür, wie man führen und geführt werden kann – alles gleichzeitig.“ (Sydney Arts Guide)

Wie verläuft eine typische Orchesterprobe? Gibt es Rituale oder Strukturen, die besonders wichtig sind, um am Ende als Einheit zu erklingen?

Jede Probe ist anders. Denn sie wird stark geprägt vom Repertoire und den Künstlerinnen und Künstlern, mit denen wir arbeiten. Aber immer herrscht ein starkes Gefühl der Kameradschaft im gesamten Orchester. Das Wort „Academy“ in unserem Namen kommt übrigens aus der griechischen Philosophie und es beschreibt einen Ort, an dem unterschiedliche Gedanken, Perspektiven und Disziplinen zusammenkommen. Ganz praktisch bedeutet das für uns, dass die Mitglieder aus den unterschiedlichsten musikalischen Bereichen kommen. Einige sind gleichzeitig auch Solistinnen, Solisten, Kammermusikerinnen und -musiker, Lehrende oder sie leiten Workshops zusätzlich zu ihrer Arbeit bei der ASMF. Jede und jeder bringt diese Erfahrungen in die Proben und Aufführungen mit ein. Ironischerweise ist es genau diese Vielfalt, die letztlich zum einheitlichen „Academy-Sound“ beiträgt, für den das Orchester bekannt ist.

Welche Rolle spielt ein Orchester in der heutigen Musikwelt? Welche Chancen und Herausforderungen ergeben sich durch die Digitalisierung, neue Konzertformate oder veränderte Erwartungen an klassische Ensembles?

Es gibt sehr viele Möglichkeiten für Orchester heutzutage. Gerade in herausfordernden Zeiten wirkt es wichtiger denn je, Musik live zu erleben – in einem schönen Rahmen, für einen Moment des Fühlens und der Ruhe. Gleichzeitig ermöglichen neue Formate, dass die Musikerinnen und Musiker auf andere Weise mit Gemeinschaften in Kontakt treten können, die sich im Konzertsaal vielleicht nicht wohlgefühlt hätten. Ein Beispiel dafür sind unsere Marriner Projects. Das ist eine Initiative, die die Mitglieder der ASMF direkt finanziell unterstützt, um kreative Ideen in ihren eigenen Gemeinden umzusetzen. Das reicht von Kammermusik in Pubs über Auftritte in Hospizen bis hin zu Konzerten in Kirchen oder Besuchen in Pflegeheimen. Während der Covid-Pandemie, als Musikerinnen und Musiker vor ihren Haustüren spielten, spürten lokale Gemeinschaften ein starkes Gefühl von Verbindung und Stolz, eine Künstlerin oder einen Künstler direkt in ihrer Nachbarschaft zu haben. Die Marriner Projects sollen genau diesen Geist einfangen und nachhaltig fördern und gleichzeitig den Orchestermitgliedern ermöglichen, Projekte und Ideen zu realisieren, die sie schon immer umsetzen wollten.

Auch unser Social Purpose-Programm wächst immer weiter. Es richtet seinen Fokus darauf, Menschen in prekären Lebenssituationen zu stärken und die nächste Generation talentierter junger Talente zu fördern. Aufgrund der globalen Nachfrage haben wir unsere Investitionen in diesem Bereich kürzlich verdreifacht. Das Programm findet jetzt nicht mehr nur in London statt, sondern begleitet uns auch auf unseren internationalen Tourneen. Wir möchten einen echten Unterschied machen und Einfluss auf die Orte nehmen, die wir besuchen. Außerdem ist es uns ein Anliegen, Barrieren zwischen dem Ensemble und dem Publikum abzubauen. Mitglieder des Orchesters sprechen während der Konzerte direkt mit dem Publikum, Proben sind öffentlich zugänglich und auf Tour teilen die Mitglieder ihre Erfahrungen und Perspektiven in den Sozialen Netzwerken.

„Gerade in herausfordernden Zeiten wirkt es wichtiger denn je, Musik live zu erleben – in einem schönen Rahmen, für einen Moment des Fühlens und der Ruhe.“

Die Aufnahmen der ASMF bleiben ein zentraler Teil unserer Identität. Immer wieder berührt es uns, wie Menschen weltweit klassische Musik durch unsere Einspielungen entdecken. Gerade in einer Zeit, in der Inhalte zunehmend von KI erzeugt werden, fühlt sich das Live-Musizieren wie ein kraftvolles Zeichen des Menschlichen an. Dieses gemeinsame, menschliche Erlebnis ist der Kern dessen, warum Orchestermusik weiterhin wichtig ist, und es immer bleiben wird.

Um bei diesem Thema zu bleiben: Wie offen ist die Academy of St Martin in the Fields für Experimente, spontane Interpretationen oder neue musikalische Konzepte? Welche Bedeutung hat Innovation für die Weiterentwicklung des Ensembles?

Die Academy of St Martin in the Fields wollte noch nie stillstehen und unsere Musikerinnen und Musiker entwickeln sich gerade dann gemeinsam weiter, wenn sie gefordert werden. Selbst bei Werken, die wir sehr gut kennen, suchen wir immer nach besonderen, frischen Wegen, sie unserem Publikum nahezubringen. Gleichzeitig setzen wir uns dafür ein, das Repertoire durch neue Auftragswerke zu erweitern, unter anderem von Komponistinnen und Komponisten wie Vince Mendoza, Errollyn Wallen, Huw Watkins und Eleanor Alberga. Wir freuen uns aber genauso über neue künstlerische Partnerschaften und kreative Kooperationen, etwa indem wir unser Ensemble mit anderen verbinden, wie zum Beispiel mit Tenebrae hier beim Rheingau Musik Festival.

Es beflügelt uns, Altes und Neues in einen Dialog zu bringen. Beim diesjährigen Rheingau Musik Festival etwa erkunden wir Mozarts Œuvre gemeinsam mit Hayato Sumino, einem Künstler, der sich gleichermaßen in Jazz-Improvisation wie im Komponieren zu Hause fühlt. Diese Offenheit für Neugier und Experimentierfreude ist entscheidend dafür, dass ein Konzert mit der Academy of St Martin in the Fields niemals verstaubt oder vorhersehbar wirkt.

 

 

© Estro Kim

 Beim diesjährigen Rheingau Musik Festival tritt die Academy of St Martin in the Fields in verschiedenen Konzertformaten sowie mit unterschiedlichen Solistinnen und Solisten auf. Mit einigen hat das Orchester bereits zusammengearbeitet, andere Konzerte sind aber auch Premieren. Worin unterscheidet sich die Zusammenarbeit mit neuen und bereits bekannten Solistinnen und Solisten?

Unsere Konzerte beim Rheingau Musik Festival umfassen Kooperationen, die von ganz neuen Begegnungen bis hin zu lang etablierten Partnerschaften reichen. Wir freuen uns zum Beispiel sehr, zum allerersten Mal mit Hayato Sumino zusammenzuarbeiten und gleichzeitig auch die langjährige Zusammenarbeit mit unserem Musikdirektor Joshua Bell zu präsentieren.

Obwohl Joshua nun seit fast fünfzehn Jahren Musikdirektor ist, reicht seine Beziehung zum Orchester noch viel weiter zurück. Sein erstes Konzertalbum mit Bruch und Mendelssohn nahm er 1988 mit der ASMF und Sir Neville Marriner auf. Damals war er war gerade einmal 21 Jahre alt. Niemand hätte gedacht, dass Joshua 23 Jahre später der zweite Musikdirektor in der Geschichte des Orchesters werden würde.

Für uns sind die erfüllendsten Residenzen immer die, die eine Mischung aus langjährigen künstlerischen Partnerschaften und der Spannung neuer Zusammenarbeiten bereit halten. Oder dem Wiedersehen mit Künstlerinnen und Künstlern, mit denen wir bisher nur kurz gearbeitet haben, wie zum Beispiel Anastasia Kobekina. Jede langjährige Zusammenarbeit beginnt ja schließlich mit einem ersten Treffen!

 

Die Academy of St Martin in the Fields ist erst das zweite Orchester in der Geschichte des Rheingau Musik Festivals, das den Titel Orchestra in Residence trägt. Was bedeutet diese Auszeichnung für den Klangkörper? Und worauf dürfen sich die Besucherinnen und Besucher bei den Konzerten im Rheingau besonders freuen?

Orchestra in Residence beim Rheingau Musik Festival zu sein, ist eine große Ehre. Es ist ein Privileg, auf einem so besonderen Festival eine Vielfalt künstlerischer Stimmen, Formate und Kooperationen präsentieren zu dürfen und viermal für ein so wunderbares Publikum zu spielen.

Diese Residenz ist ein echtes Highlight unserer Saison 2025/26 und wir freuen uns sehr darauf, der Rheingau-Community die ganze Bandbreite dessen zu zeigen, wofür die Academy of St Martin in the Fields steht.

 

Vielen Dank für das Interview!

 

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